Die Stadt besitzt nicht, wie andere Städte dieses großen Freilandes, das lachende, freundliche Ansehen in seinem Innern. Die Häuser sind vom Rauch der Steinkohlen geschwärzt, die hier allgemein üblich sind. Aber dagegen erblickt man eine rührige Gewerbigkeit, wie nicht leicht anderswo. Alle Häuser sind voll von den verschiedensten Werkstätten. Längs den Ufern lärmen die Dampfmaschinen, welche eine Menge Mehl-, Säge-, Papier-, Oel- und Loh-Mühlen, Gerbereien und Färbereien, Glashütten und Eisenschmelzen u. s. w. in ununterbrochener Bewegung halten. Den westlichen Staaten um hundert und mehr Stunden näher als Philadelphia und Baltimore, versorgt Pittsburg die Pflanzorte in jenen vorzugsweise mit seinen Kunsterzeugnissen. Die Flüsse wimmeln von Fahrzeugen, die Waaren bringen oder fortführen. Mit Ausnahme der Monate August, September und Oktober, kommen täglich Dampfboote an. Von Neu-Orleans, den Missisippi und Ohio herauf, legt ein solches Boot den Weg von mehr denn siebenhundert Stunden binnen achtzehn Tagen zurück; stromabwärts ist die Fahrt in zwölf Tagen vollbracht. Und doch wird unterwegs, mit dem Ausschiffen und Aufnehmen von Waaren und Reisenden in allen Städten längs den Ufern, noch Zeit verbraucht. Die Reise den Strom herauf, von Neu-Orleans bis Pittsburg, kostet 50 Dollars, stromab nur 40. Man hat dafür, wie immer auf amerikanischen Dampfbooten, gute Tafel und sehr saubere Betten.

Bisher hatte mich auf meinen Lustwanderungen durch die neue Welt der freundlichste Himmel begleitet, was von nicht geringem Einfluß auf meine gute Laune und vielleicht auf meine Ansichten und Urtheile gewesen sein konnte. Denn, wir wollen uns nicht täuschen, das Universum sieht an einem sonnenreichen Tage ganz anders aus, als an einem Regentage. Nicht nur Erd' und Himmel ändern bei böser Witterung ihre Physiognomie, sondern auch Thier und Mensch.

Es kam mir daher zur Berichtigung meines Urtheils und meiner Stimmung, die ich vielleicht nur der Heiterkeit der Sommertage zu danken hatte, ganz gelegen, daß bei meiner Abreise aus Pittsburg rauhes, regnerisches Wetter eintrat. Ich hüllte mich ein, setzte mich in einen Vaggon und fuhr dem Ohiostrom entgegen. Indessen lernt' ich dabei nichts Anderes, als daß das Reisen beim schlechten Wetter in Amerika ungefähr eben so langweilig ist, als bei uns. Denn durch den grauen Schleier des Regens sah und erkannt' ich draussen nichts; drinnen im Vaggon hört' ich und lernt' ich nichts Merkwürdiges. Nachts schlief ich in dem kleinen Ort Washington; folgenden Vormittags kam ich zeitig in der kleinen Stadt Wheling an, die am linken Ufer des Ohio, etwa hundert Stunden von Baltimore, liegt.

Das eben genannte Washington ist nicht jene neue, im großen Styl entworfene Hauptstadt der Vereinstaaten, Sitz der höchsten Bundesbehörden. Es gibt der Ortschaften viel, die mit den Namen eines Washington, Franklin, Lafayette u. s. w. geschmückt sind. Man unterscheidet sie dann nach ihren verschiedenen Provinzen und Flüssen durch Beinamen. Die alten und neuen Republiken wußten ihre großen Männer immer auf eine eigenthümliche, aus Geist und Art des Volks hervorgegangene Weise zu ehren. Das kunstsinnige Griechenland errichtete ihnen Bildsäulen. Rom äffte später darin, wie in vielem Andern, nur nach. Die frommen Schweizer stifteten ihnen kirchliche Schlachttagsfeier und Kapellen. Die gewerbigen, im Schirm der errungenen Freiheit sich über einem jungfräulichen Boden ausbreitenden Amerikaner bauen Städte und schmücken sie mit den unsterblichen Namen der Freiheitsstifter.

Das Städtchen Wheling liegt schon im Staat Virginien, in einer angenehmen Gegend und unter einem milden Himmel. Es hat etwa 2000 Einwohner. Wie ich durch die Straßen umherschlenderte, ward ich auf eine sonderbare Weise überrascht. Ich sah da eine Menge Leute, Männer, Weiber, Kinder, alle in Schweizer- und deutscher Bauerntracht. Als ich näher trat, erkannte ich dieselbe Auswanderungs-Karavane wieder, die ich, bei meiner Abreise von Europa, in Havre gesehen hatte. Die ehrlichen Anabaptisten waren nicht wenig erstaunt, als ich sie deutsch anredete. Einige erinnerten sich meiner sogleich wieder. Sie hatten wegen ihrer endlichen Niederlassung noch keine Wahl getroffen, und die Absicht, den Ohio hundert bis zweihundert Stunden weiter abwärts zu gehen. Es waren zusammen alt und jung 119 Personen.

Ich habe schon gesagt, daß auf dem Ohio im Monat August, September und Oktober kein Dampfboot, wegen zu niedrigen Wasserstandes, fährt. Ich miethete also, um rascher fortzukommen, ein sogenanntes Keelboot. Das ist eine Art bedeckten und geschlossenen Fahrzeugs, nur zum Waarentransport bestimmt, welches man den Fluß abwärts sendet, aber nie wieder zurückfährt, weil es für dies Wasser zu groß und schwerfällig ist. Ein kleiner, leichter Nachen mit zwei Rudern ist dem Schiffe angehängt. Dieses Nachens bediente ich mich, zur Verminderung der langen Weile, fleißig. Denn weil ich für meine Beköstigung selbst sorgen mußte, fuhren wir an keinem artigen Bauernhof, an keinem niedlichen Landhause vorüber, wo ich nicht sogleich einkehrte, besonders wenn ich Obstbäume und vor allen Dingen Pfirsiche da erblickte. Die letztern sind ungemein saftig, groß und vom feinsten Geschmack. Oft glich Alles einem kleinen Pfirsichwald, was die ländlichen Wohnungen umgab. Die Eigenthümer bepflanzen damit der Länge nach jeden Bach und Weg und Steg, und nennen sie, recht die amerikanische Gastfreundlichkeit bezeichnend, Pfirsiche für die Reisenden (Traveller-peaches).

Die Ufer des Ohio sind, von Wheling hinweg, sehr stark bewohnt. Das rechte Ufer gehört zum Ohiostaat, das linke zu Virginien. Kein einziger von allen Pflanzern, bei denen ich einkehrte, war im Lande selbst geboren, insgesammt stammten sie frisch aus Deutschland, England, Irland, Holland. Die für Europa so traurigen Noth- und Hungerjahre 1816 und 1817 waren für die hiesigen Ansiedler das wahrhaft goldene Zeitalter gewesen. Nun aber beklagten sie sich bei der wohlfeilen Zeit sehr. Sie wußten nicht, wohin die Früchte ihres Feldes absetzen. Ich tröstete sie mit dem nämlichen Loose der europäischen Landleute, die noch dazu bei dem niedrigen Stand der Getraidepreise oft schwere Abgaben zu zahlen hätten.

Wir kamen am 4. September, an einem Sonnabend, nach Mariette, ohne besondere Abentheuer erlebt zu haben, als etwa, daß wir unterwegs einen schönen Hirsch, der über den Ohio schwimmen wollte, mit Ruderstangen todtschlugen und uns ihn schmecken liessen. Mariette ist eine der ältesten Städte im Ohiostaat. Sie ward gleich, nachdem den Indianern das Gebiet abgekauft war, gegründet. Die Fruchtbarkeit und Wohlfeilheit des Bodens lockte viel Volks her. Die Stadt zählte bald 1200 Einwohner; aber – sie zählt auch jetzt noch nicht mehr. Denn die Luft ist fieberhaft, ungesund, und die Sterblichkeit in manchen Jahrgängen groß. Das schreckt viele Ansiedler ab, während diese sonst vorzugsweise gern den Ohiostaat wählen, weil er einen angenehmen, milden Himmelsstrich, sehr gesunde Luft, äusserst fruchtbaren Boden und vielleicht die beste Landesverfassung von allen Vereinstaaten hat.

In der Umgegend von Mariette sind die zahlreichen alten Befestigungswerke und Gräber der Indianer sehr merkwürdig. Die Ueberbleibsel der Befestigungen, zwar nur von Erde aufgeworfen, dehnen sich zusammenhängend Viertelstunden weit und mehr aus. Die Gräber, oder »Maun's«, wie sie es in der Sprache der Wilden heißen und noch jetzt genannt werden, sind in großer Menge umher zerstreut zu sehen; nicht nur aber bei Mariette, sondern auch in andern Gegenden der Republik Ohio und westlich gelegener Landschaften. Es sind zuckerhutförmige, oben abgestumpfte Hügel, meistens zwölf bis zwanzig Schuh hoch, die unten einen Umfang von dreißig bis sechszig Fuß haben. Noch jetzt haben die Stämme aller Indianer für ihre Todten eine heilige, oder abergläubige Ehrfurcht, wie sonst. Hier pflegten sie die Leichname, in Felle gehüllt, flach auf den Erdboden zu legen, dann dieselben mit einem solchen Erdhügel zu bedecken, daß sie weder durch wilde Thiere, noch Menschen leicht ausgescharrt werden konnten. Die Mauns der Häuptlinge sind höher und breiter. Ich sah deren bei Mariette, welche einen Umfang von hundert Fuß und eine Höhe von dreißig Fuß haben.

22.
Ein paar Wochen auf dem Lande im Ohiostaate.
(4. bis 20. Sept.)