Die Witterung war wieder lieblich. Ich hätte mich auch gern unter den Pflanzern dieses Freistaats umgesehen, um bei ihnen etwas zu lernen. Dazu bot sich hier die vortheilhafteste Gelegenheit. Ich konnte eine Familie, die eine Stunde von Pointharms wohnte, mit Grüßen und Nachrichten aus Europa besuchen. So begab ich mich über den Muskingum nach Pointharms, und von da zur mir bezeichneten Kolonie, um meine Aufträge auszurichten. Zwei Tage später begleitete ich von hier die Familie zu ihren Aeltern, auf einer Niederlassung, die noch zwölf bis vierzehn Stunden weiter landeinwärts lag. So kam ich von Pflanzung zu Pflanzung.
Die Familie machte die Reise zum Vaterhause in einem Wäglein. Mir gab man ein Reitpferd. Jede Art zu reisen hatte mir bisher wohlbehagt; nur mit den Pferden in Amerika hatte ich ganz eigenes Mißgeschick. Als zwei Stunden lang Alles in guter Ordnung gegangen war, wurde der Weg so schlecht, daß das Fuhrwerk meiner Freunde mehrmals umzuwerfen drohte, und endlich, über einem Graben hangend, in die gefährlichste Schwebe kam. Ich sprang noch im rechten Augenblick vom Rosse, um den Wagen etwas zu halten und größeres Unheil zu verhüten. Als dieser wieder aufgerichtet stand und ich meine Rosinante suchte, war sie davon und waldeinwärts gelaufen. Nun mußte ich ihr nachsetzen, und sie narrte mich zwei volle Stunden herum. Ich hätte die Bestie ihrem Verhängniß überlassen, wärs mir nicht um meinen Mantel auf dem Sattel leid gewesen. Zum Glück kam mir ein Pflanzer zu Hilfe, der das Roß fing. Als ich aufsitzen wollte, ward es stätisch, wollte nicht mit mir umkehren; alle Beredsamkeit meines Mundes und meiner Peitsche blieben gegen diesen Eigensinn fruchtlos. Um nicht noch mehr Zeit einzubüßen, gab ich dem braven Landmann ein Trinkgeld, ließ ihn den Gaul heimführen, hing den zusammengelegten Mantel an einem Stecken über die Schulter, und wanderte sechs Stunden Wegs zu Fuß, bis zu dem Ort, wo meine Reisegefährten übernachten wollten. Den andern Tag erreichten wir endlich Nachmittags das ersehnte Vaterhaus.
Herr Hauptmann **, Eigenthümer dieser Niederlassung, empfing mich mit zuvorkommender Güte und Gastfreundlichkeit. Ich ward zuletzt bei ihm ganz heimisch. Wir besuchten die Umgegenden, musterten seine landwirthschaftlichen Anstalten, oder gingen mit einander auf die Jagd, die hier sehr reich und mannichfaltig ist, besonders an Truthühnern. Im Winter kann man sie mit Stecken todtschlagen. Der Hauptmann erzählte, er habe bei seiner Wohnung in einem Winter ein ganzes Dutzend getödtet, das Stück achtzehn bis zwanzig Pfund schwer. Noch häufiger ist, und eine wahre Landplage, in diesen Gegenden eine Art Eichhörnchen, die aber viermal größer sind, als die unsrigen in Europa. In einem einzigen Tage können sie mehrere Acker Mais vollkommen verwüsten. Daher wird unaufhörliche Jagd auf sie gemacht; aber sie sind schwer auszurotten, vermehren sich schnell und haben so zähes Leben, daß, wenn man sie nicht beim Schuß durch Herz oder Kopf trifft, sie mit zerschmetterten Gliedmaßen von Ast zu Ast, von Baum zu Baum springen und entwischen. Man ißt ihr Fleisch; es ist angenehm, kräftig und zart. – Man jagt auch Dammhirsche, Fischottern, Opossums, Raukuns und anderes Gewild dieser Art.
Von zahmem Vieh züchtet man vorzüglich Pferde, die 30 bis 40 Dollars kosten; Ochsen, das Paar 30 bis 36 Dollars im Preise; Schweine in Ueberfluß, davon man den Zentner mit 1 bis 1½ Dollars zahlt. Viehhändler, die das Land alle Jahr durchziehen, kaufen ganze Heerden zusammen und führen sie ostwärts den großen Städten, hundert, auch zwei- und dritthalbhundert Stunden weit, zu.
Die Staaten von Ohio, Indiana und Ober-Kentuky bieten dem Auge weder den Anblick hoher Gebirge, noch großer Ebenen dar. Es ist ein hügeliges Land, welches, von der Höhe übersehen, einem grünenden, wogenden Meer ähnlich sehen mag. Der Landwirth unterscheidet hier gern dreierlei Erdreich. Das beste ist das schwarze. Es befindet sich am meisten in den Niederungen, und vor seinem Anbau immer mit Wäldern bedeckt, besonders von ungeheuern Kastanien- und Nußbäumen, die zwar nur kleine, aber sehr süße Früchte tragen. Die zweite Gattung Erdreichs ist die rothe; es trägt gern verschiedene Arten schöner Eichen, steht aber im Feldbau an Güte dem schwarzen Grunde nach. Die dritte Gattung Bodens ist gelb, die am mindesten fruchtbare. Im Ohiostaat baut man am meisten Mais, Frucht, Waizen, Gerste, Haber, Erdäpfel u. s. w. an. Die Aernten sind immer äusserst ergiebig. Es ist in diesem Boden eine Fülle üppiger Lebenskraft.
Man darf nur die Wälder betrachten. Sie sind eine Zusammenschaarung von Riesenstämmen, davon man in Europa kaum Aehnliches erblickt. Glatt, ohne Moos und Flechten, kerzengerade schiessen die Stämme auf, die erst an den Gipfeln Zweige und Aeste tragen. Unter denselben ist der Boden mit grünem Rasen bedeckt, ohne jene Menge niedern Strauchwerks, welches in unsern europäischen Forsten zu wuchern pflegt. Weiden längs Bachufern sieht man eben so wenig. – Unter allen Bäumen aber ist der Sycomorenbaum durch seine Dickstämmigkeit am ausgezeichnetsten. Man erzählte mir davon Unglaubliches. Ich aber sah selbst einen, in dessen Innern ein Spezerei-, Material- und Liqueur-Laden gehalten ward, mit Thür und Fenster versehen. Wenn ein Sycomorenbaum anfängt, die Stammdicke von einem Schuh im Durchmesser zu erhalten, beginnt er schon von innen hohl zu werden. Daher macht man auch auf leichte Weise Tonnen daraus. Man durchsägt nur die Stämme, und versieht sie auf zwei Seiten mit einem Boden. Die Sycomoren gedeihen am besten auf dem fetten, frischen Grunde der feuchten Niederungen.
Das Verfahren bei Bereitung des Ahornzuckers ist bekannt genug. Die Pflanzer in den westlichen Staaten bereiten sich von Mitte Märzes bis Mitte Aprils auf diese Art ihren Zuckervorrath. Ein Kind, mit Pferd und Schlitten und Faß darauf, sammelt täglich das aus den angebohrten Bäumen abgeträufelte Wasser und führts nach Hause. Ein Baum mag binnen vierundzwanzig Stunden, unter begünstigender, sonnenheller, kalter Witterung, bis auf zwölf Maas Wasser geben, ohne Schaden für ihn. Ein Pflanzer macht sich für den Jahresbedarf seines Hauses gewöhnlich 150-200 Pfund solches rohen oder Staubzuckers. Andere, die damit Handel treiben, bereiten bei zwanzig Zentner desselben. Der Zentner gilt drei Dollars (das Pfund einen Batzen).
Hier kann's keinem Landmann übel gehen, der fleißig ist, und nur so viel Vermögen hat, sich ein freies Eigenthum zu kaufen, nebst Vieh, Saat und Lebensbedürfnissen für das erste und zweite Jahr. Von da an baut und erzieht er sich alles selbst, was er nöthig hat, und verkauft, gut oder schlecht, noch vom Ueberfluß. Unmerklich wächst mit der Bevölkerung umher, ohne sein Zuthun, der Werth seines Grundeigenthums.
Auffallend war mir hingegen, daß von großen Kolonialanlagen, die man in Europa schon aufs vollkommenste entworfen hatte, in der Wirklichkeit nachher wenige zu dem gediehen, was sie hätten werden sollen. Doch muß ich allerdings die des Hrn. Rapp ausnehmen, welche großentheils aus Deutschen besteht und zehn Stunden von Pittsburg liegt. Hr. Rapp gab ihr den schönen Namen Harmonie.
Nach zwanzig Jahren Arbeit daselbst wurde alles Land als Eigenthum verkauft, und die Kolonie, die ein ganzes Dorf mit mehr als tausend Seelen ausmacht, wohlversehen mit allem, was zur Landwirthschaft gehört, baut nun, übereinstimmend nach dem nämlichen einmal angenommenen Plan, die prächtigen Fluren von Wabasch, auf der äussersten Grenze des Indianastaats. Rapps Söhne, ihres Vaters Nachfolger, sind ausschließlich mit Ankauf und Verkauf alles dessen beauftragt, was für das Bedürfniß der Gemeinde erforderlich ist. Die Kinder müssen bis zum sechszehnten Jahre die Schule besuchen; dann werden sie zur Feldarbeit, zum Handwerk u. s. f. angehalten. Die Niederlassung hat ihre eigene Kirche und Schule; eigene Gemeindsverfassung und Gesetze, welche von den erwählten Aeltesten der Gemeinde vollstreckt werden.