23.
Von Ansiedlern und Reisebeschreibern.
Von allen Auswanderern, die aus Europa kommen, um sich in den Vereinstaaten mit ihren Familien niederzulassen, stehen sich offenbar wohlhabende Ländereikäufer und Handwerker oder Künstler am vortheilhaftesten, weil jene gewiß sind, ihre Kapitalien von Jahrzehend zu Jahrzehend im Werth anschwellen zu sehen; und diese, wenn sie geschickt und fleißig sind, ihre Waare ums Doppelte besser, als in Europa, bezahlt erhalten. Demungeachtet wird es gemeiniglich ankommenden Handwerkern und Künstlern anfangs sehr schwer, sich durchzubringen, und zwar aus ganz einfachen Gründen. Wenige verstehen die englische Sprache, und sind daher dem Zufall überlassen, wo sie Leute finden, um sich mit ihnen zu verständigen. Wenige kennen Einrichtungen, Verhältnisse, Bedürfnisse und Oertlichkeiten des Landes, um sich den für sie tauglichsten Platz zur Ansetzung auszuwählen. Wenige haben Geld genug mitgebracht, um aus eigener Kraft und mit aller Freiheit sich, wo und wie sie wollen, festzusetzen und Werkstätten zu eröffnen.
Alle diese Schwierigkeiten für den Künstler und Handwerker sind es weniger für den bloßen Feldarbeiter. Gewöhnt an Entbehrungen, seiner Leibeskraft und Arbeitslust vertrauend, schließt er sich denen an, die seine Muttersprache verstehen; kauft soviel Land und Wald, als er bedarf und mag, um wenig Geld, in leichten Zahlungsterminen; rodet den Wald aus, spielt ein paar Jahre den Robinson Crusoe in der Einöde, und hat dann ein großes Bauerngut, das ihn und die Seinigen reichlich erhält. Oder er tritt ein schon vorhandenes nur als Pächter an; oder hat er gar kein Vermögen, so dient er als Knecht, und spart seinen Verdienst zusammen.
Am übelsten fahren spekulirende Kaufleute, wenn sie mit europäischen Waaren nach Amerika kommen. Denn die Regierung, um die Gewerbe des Landes zu begünstigen, erhebt von fremden Gewerbsartikeln eine beträchtliche Eingangsgebühr. Ich selbst sah, daß man hier Waaren aus europäischen Manufakturen um dreißig und fünfzig Prozent unter ihrem wahren Werth losschlagen mußte.
Ich habe bei dem Allem unter den Ansiedlern Kaufleute, Künstler, Handwerker und Landleute in Menge gefunden, die sich eines Wohlstandes freuten, dessen sie in der alten Welt nie theilhaft zu werden hoffen konnten. Ich habe keinen im eigentlichen Elend gefunden, und der, wenn er auch keinen Pfennig baar Geld in der Tasche trug, gesagt hätte, er habe Hunger gelitten oder keine Kleider mehr gehabt.
Das Volk der Reisebeschreiber, zu dem ich jetzt, was anfangs gar nicht mein Plan war, selbst gehöre, streut über Zustand, Treiben und Wesen der nordamerikanischen Vereinstaaten die verworrensten, oft geradezu die falschesten Vorstellungen in Europa aus. Ich habe deren viele vor meiner Reise und nachher gelesen. Die meisten beschreiben weniger Amerika, als vielmehr sich selbst in Amerika, woran am Ende wenig gelegen ist. Vielleicht begegnet mir dasselbe, ohne daß ichs weiß und will; aber ich weiß und will auch keine Beschreibung vom jetzigen Zustand jener Gegenden geben, sondern nur guten Freunden erzählen, was ich auf einer Lustfahrt sah und hörte, und bilde mir wenigstens ein, ziemlich unbefangen zu sein.
Unter den Reisebeschreibern mögt' ich den Preis der vollen Unbefangenheit noch immer dem weisen, gründlichen Rochefoucauld-Liancourt geben. Er liefert ein recht treues Bild von dem Amerika seiner Zeit. Aber seine Zeit war beinahe vor dreißig Jahren. Und in Amerika sind, was Fortschritte des Anbaues und der Gesittung betrifft, dreißig Jahre so viel, als in Europa drei halbe Jahrhunderte. Könnte er die Gegenden, die er einst sah, jetzt wieder sehen, er würde die wenigsten wieder erkennen.
Den Preis, welchen er verdient, möchte ich am allerwenigsten einem andern Reisenden ertheilen, von dessen Irrfahrten mir zwei dicke Bände in die Hände gefallen sind. Ich las sie um so neugieriger, weil ich von dem Manne, er heißt Gall, schon an einigen Orten in Amerika wunderliche Sachen gehört hatte. Man lachte da über ihn. Er hatte überall Händel gehabt. Er zankte sich mir den Kaufleuten, wegen Bestellungen; mit den Schiffern, wegen Fuhrlohns; mit den Wirthen, wegen der Zeche; mit den Lastträgern, wegen seines Gepäcks; – beinahe aller Orten, wohin er kam, hatte er Geschäfte vor den Scherifs und Richtern. Und das verschweigt er selbst in seinen zwei Bänden nicht. Er zankt auch da noch fort. Am unanständigsten fällt er gegen das achtbare Haus Le Roy Bayard u. Komp. in New-York aus, womit er freilich dem guten Namen desselben weniger, als seinem eigenen geschadet haben mag. Denn wer glaubt einem solchen Allerweltsmißvergnügten? Ihm gefiel in Amerika wenig oder gar nichts.
Solcher gallsüchtigen Reisenden gibts nun freilich wenige in Amerika; desto mehr gibts der entzückten Lobredner. Ich will diesen zwar ihr Entzücken gönnen; ich kann es mir aus dem grellen Abstich, welchen sie zwischen diesen wahrhaft freien Staaten und ihren europäischen Heimathen fanden, gar leicht erklären und entschuldigen.
Europa ist schon eine ältliche, ehrbare, an ihr Herkommen gewöhnte Matrone; alte Damen machen nicht gern neue Moden mit, wenn sie auch bequemer, einfacher und geschmackvoller sind. Ihre junge Tochter Amerika ist im aufknospenden Blüthenalter des Mädchens. Laßt diese Schöne nur so alt werden, wie ihre Mutter, und sich dann wieder im Spiegel sehen. Ich wette, sie hängt dann auch an verderblichen Gewohnheiten und verrosteten Moden, und beneidet die junge Australia. Schöner, daran zweifle ich nicht, wird sie, als die Mama Europa, denn diese hat auch noch gar zuviel von den barbarischen Zügen ihrer Frau Mutter Asia.