Europa erhielt von ihrer orientalischen Mutter eine gar kärgliche Aussteuer, als sie ihr eigenes Haus zu machen anfing. Späterhin freilich wohl noch einige ehrenwerthe Geschenke, z. B. das Christenthum und den Handelsverkehr. Allein was sie Gutes haben wollte, mußte sie selbst erwerben, erarbeiten, ersinnen. Amerika hingegen ward von dem ganzen Schatz ihres Wissens und Könnens ausgesteuert, und würde des Vorwurfs aller Weltalter werth sein, wenn es sein Hauswesen nicht vernünftiger, bequemer und freier eingerichtet hätte.
Wir wollen, um gerecht gegen die neue Welt zu sein, nicht ungerecht gegen unsere liebe, mürrische Alte werden. Es ist wahr, dort zahlt man keine Abgaben, von denen die europäischen Unterthanen stets niedergedrückt sind; man zahlt keine Zehnten, keine Bodenzinse u. s. w., sondern nur von jedem Acker einen Sol. – Allein man muß nicht vergessen, daß die amerikanische Regierung auch im Besitz von Geldquellen ist, deren in Europa wenige sind. Denn ausser den Zöllen von fremden Waaren, dem Ertrag der Posten und dem Tonnengelde der Schiffsfrachten, treibt sie Handel mit verkaufbaren Ländereien in den unermeßlichen Gebieten. Da hat sie noch auf lange Zeit Waarenvorrath, der ihr ein Jahr ins andere sechs bis sieben Millionen Dollars abwirft.
Ja, rufen die Entzückten, in Amerika sind keine kostspielige Hofhaltungen, keine übermäßig besoldete Minister und Beamte. Da erhält ein Präsident der vereinigten Staaten, der vier Jahre lang in höherer Macht, als ein europäischer Premierminister dasteht, jährlich 25,000 Dollars (125,000 Francs) und muß damit noch alle Ehrenausgaben während der Kongresse gegen die Gesandten der ersten Mächte, alle Gastereien u. s. w. bestreiten. Der Staatssekretair, wie der Schatzkammersekretair hat jährlich nur 4000 Dollars (20,000 Fr.), die amerikanischen Gesandten in Europa haben jeder 1800 Pf. Sterl., mehr nicht. – Wenn man nun damit die europäischen Besoldungen ähnlicher Stellen vergleicht, und gar noch die von England!
Vollkommen richtig. Allein auch mit dem ehrlichsten Willen läßt sich das in Europa nicht so leicht bestellen. In Europa lebt man wie in einer großen Stadt, wo ein gewisser Ton nun einmal herrscht, den Einer allein nicht abschaffen kann; wo man Manches, auch wider Willen, ehrenhalber mitmachen muß. Auf dem Lande lebt man eben, wie man will; kann sparen, ohne sich darum anderer Vortheile zu begeben; legt sich keinen Zwang an. – Nun denn, in Amerika lebt man wie auf dem Lande. Zieht einer in die Stadt Europa, behält er seine Einfachheit ohne Schaden bei, weil man's an ihm einmal gewohnt ist, und weil er – mehr Geld nicht hat.
In Amerika ist freier Handelsverkehr. In Europa wird aller Gewerbsfleiß und Waarenvertrieb im Netz von Mauthen, Zöllen, und Handelsabgaben gelähmt, verstrickt und erwürgt. – Ich gebe es zu, die europäischen Regierungen thun aber in der That nicht anders, als die amerikanische. Auch diese beschwert Einfuhr fremder Artikel mit Abgaben, um den inländischen Gewerbsfleiß zu erhöhen. Der Unterschied ist nur, daß in Europa die selbstherrlichen Gebiete gar zu kleine Landstückchen sind, während der amerikanische Bundesstaat eins ist. In Europa sorgt jeder König und Fürst für sein Ländchen, dessen Interessen verschieden von dem der Nachbarn sind. Daher das heillose Zoll- und Mauth-Netz, welches über den ganzen Welttheil ausgespannt ist. Europa, ein großer, einziger Bundesstaat mit vollkommener Handelsfreiheit, würde ein blühender Welttheil werden. Aber die Aufgabe ist etwas schwer zu lösen, wie man wohl begreifen wird.
Eben so ist's mit den kostspieligen, stehenden Heeren. Die Amerikaner haben nur 6000 Mann stehenden Kriegsvolks zu besolden; aber ausserdem ist jeder Bürger Krieger, wenn Krieg ist; und die Zahl dieser in Waffen geübten Milizen beträgt gegenwärtig volle 900,000 Mann. Wenn nicht alle europäischen Mächte einstimmig und alle zu gleicher Zeit ihre Armeen auflösen und das amerikanische System annehmen, möchte der Versuch dazu wahrlich keiner einzelnen Macht für sich allein zu rathen sein, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, von einem der christlichen Nachbarn ganz unerwartet, mit Mann und Roß, verschlungen zu werden.
Wie in diesen Stücken, so in vielen, wenn auch nicht allen. Wer in Europa die unläugbaren Vortheile Amerika's einführen will, muß vor allen Dingen erst dafür sorgen, daß er die Verhältnisse der Natur, Oertlichkeit und staatsthümlichen Lage aus den Vereinstaaten über das Weltmeer nach unserm Welttheil bringe. Dann wird sich alles leichter machen. Vor der Hand wollen wir zufrieden sein, wenn man sich nur dem möglichen Bessern allmälig nähert; den Kastenunterschied mildert; den Volksunterricht allgemeiner macht und bessert; im Zoll- und Mauth-Netz einige Maschen erweitert; die Ministerialwillkühr durch gesetzgebende Kammern beschränkt; und den allbelebenden, alles erhebenden, freien Verkehr in der geistigen Welt, nicht durch Posten- und Stämpel-Abgaben der Finanzspekulation und durch Zensur- und Preßzwangsgesetze blödsichtiger, oder furchtsamer Finsterlinge lähme oder tödte.
24.
Ritt nach Cincinnati.
(19. bis 28. September.)
Fast zu lange schon für den Ueberrest meiner Zeit hatte ich mich in der Kolonie des wackern Hauptmanns verweilt. Ich mußte endlich aufbrechen. Sein trefflicher Sohn wollte mich, was mir sehr angenehm war, noch bis zur Stadt Cincinnati begleiten. Ich miethete ein gutes Pferd, und schon nach zwei Stunden waren wir zu Athen im Ohiostaat.
Dies amerikanische Athens ist eine ganz junge achtjährige Stadt von ohngefähr hundert Häusern. Ich war schon einige Tage früher daselbst zum Besuch gewesen und in einige angenehme Bekanntschaften eingeführt worden. Das Beste hier, und was des Namens der Stadt das Würdigste sein muß, ist die höhere Lehranstalt, oder das Kollegium des Ohiostaates. Das dazu bestimmte große Gebäude ist in einem edeln Styl aufgeführt, und die Zahl der Studirenden schon beträchtlich, so daß dies Athen das Ansehen einer kleinen Universität gewinnt.