Die Regierung der Vereinstaaten, und so hinwieder die Regierungen der einzelnen Freistaaten Nordamerika's, sparen keine Kosten für Erweiterung und Erhebung des öffentlichen Unterrichts. Denn ihnen ist klar, daß, wie der einzelne Mensch sich nur durch höhere Einsicht und Geschicklichkeit gegen Andere in ein Uebergewicht zu setzen im Stande ist, auch nur eine Nation durch allgemeine Bildung und höhere Geistesentwickelung andern Nationen überlegen werden kann, wie es Griechenland einst gegen den Orient, Rom gegen Europa und Afrika war, England jetzt, und noch Frankreich, gegen die neuern Völker ist. Man hat in Amerika nicht blos die gemeinen Anfangs- und Bürgerschulen, oder dann Gymnasien und Universitäten für die, welche sich blos dem gelehrten Stande widmen, sondern eben so viele polytechnische Institute für die, welche sich den Künsten, Gewerben und Fabriken weihen. Denn ein Staat, der leidlich organisirt heißen will, bedarf im Verhältniß seiner Volksmenge bei weitem nicht so viel Juristen, Mediciner, Theologen und Philologen, als Handwerker, Mechaniker, Chemiker, wissenschaftlicher Landökonomen, Fabrikanten, Kaufleute u. s. w.

Auch bemerkt man in Amerika deutlich, daß das Streben nach Bildung, Aufklärung und Kenntnissen im Volk ohne Unterschied der Kirchparteien allgemein ist, und die Katholiken darin den Evangelischen nicht nachstehen, weder von ihren Geistlichen zurückgehalten werden, noch sich zurückhalten lassen. Dadurch wird jener auffallende Unterschied der öffentlichen Bildung und des Wohlstandes zwischen katholischen und evangelischen Gemeinden, Provinzen und Staaten, der in Europa bemerkt wird, in Amerika verhindert. Es ist allgemein bekannt, wie weit in unserm Welttheil, und zwar in dieser Hinsicht, Spanien, Portugal, Sicilien, Irland, und selbst der Großtheil der österreichischen Länder den evangelischen Staaten nachstehen. Man könnte ähnliche Demarkationslinien in Deutschland und der Schweiz ziehen; und Frankreich dankt den ganzen Ruhm seiner Ueberlegenheit nur seiner nordöstlichen Hälfte, die von jeher dem priesterlichen und mönchischen Einfluß mehr, als die südliche Hälfte widerstand.

Wir ritten längs dem linken Ufer des Hokaking hinauf, der von Norden kömmt, und sich bei Troy unterhalb Belpré in den Ohio ergießt. Durch das Städtchen Nelsonville kamen wir von Wald in Wald. Es ward Abend. Wir sahen uns gezwungen, mitten in den Wäldern, in einer einsamen Hütte, ein Nachtlager zu suchen. Dies Bauerhaus, wie es da so vor uns lag, aus übereinander gelegten, unbehauenen Holzstämmen zusammengefugt, deren Zwischenräume, um Luftzug zu meiden, mit Erde und Moos ausgestopft waren, – machte einen traurigen Anblick und unbehaglichen Eindruck. Indessen wir kehrten ein.

Man kann sich mein Erstaunen leicht denken, als ich in's Haus trat, und den Fußboden der Stube mit einem sehr schönen türkischen Teppich bedeckt, Tisch, Stühle und anderes Zimmergeräth von Akajuholz, und uns nachher in Porzellan- und Silbergeschirr bei Tisch bedient sah. Mehr, als das Alles, erregte aber die sehr saubere Kleidung, die Liebenswürdigkeit und Bildung dieser einsamen Pflanzerfamilie meine Theilnahme. Wir hatten einen genußreichen Abend.

Früh andern Morgens machten wir uns auf, um Mittags in Neu-Landcaster zu sein. Es ist dies eine zehnjährige Stadt, von 2000 Einw., die von meistens Deutschen gegründet worden ist, welche sich aus Lancaster in Pensylvanien größern Vortheils willen hierher begeben hatten. Wir machten von hier aus einen Abstecher zu einem Pflanzer, zwei Stunden von da, der schweizerischer Abkunft war, und bei dem wir übernachteten. Dann gingen wir Tags nachher nach Landcaster zurück, und, um es kurz zumachen, über Chilicothe, Bainbridge, Hillsborough, Williamsborough und Batavia nach Cincinnati.

Dies alles sind ganz neue Städte, die höchstens 3000, wenigstens 1200 Einwohner haben. In Chilicothe, am ziemlich beträchtlichen Scioto-Strom, befremdete uns, mehrere Häuser und Kaufläden gänzlich geschlossen zu sehen. Wir erfuhren, daß eben ein bösartiges Fieber herrschte, welches schon viele Leute weggerafft habe. Mit Ausnahme von Neu-Orleans, welches alljährlich zur Zeit der Hitze, im Juli, August, September seine regelmäßige Fieberzeit hat, ist Chilicothe der einzige Ort in den Vereinstaaten gewesen, wo dies Jahr die bleiche Noth eingekehrt ist.

Eine Stadt von der andern, unter den obengenannten, ist acht bis sechszehn Stunden entlegen. Von einer zur andern führt eine äusserst mittelmäßige Landstraße, fast durch immerwährende Waldungen. Nur in Zwischenräumen von vier, fünf, sechs Stunden erblickt man etwa eine einzelne Pflanzerhütte. Und auch diese ärmlichen Hütten sind noch ganz neu, erst von angekommenen Ansiedlern aufgeschlagen, zwischen Wäldern und wilden Wiesen.

Diese Wiesen sind große Savannen; man heißt sie jetzt noch in Amerika Büffel-Wiesen, weil hier die Büffel ehemals ganz einheimisch waren. Nun aber sind diese Thiere seit zehn Jahren aus den Staaten Ohio und Indiana beinahe gänzlich verschwunden. Auf den Wiesen, obgleich sie mit den Wäldern in gleicher Ebene liegen, wächst kein einziger Baum, kein Gebüsch und Gesträuch. Alles ist mit hohem Grase und Kraut dick überwachsen.

Wohldurchnäßt, bei tüchtigem Regenwetter, kamen wir endlich nach Cincinnati, wo wir im zierlichen Gasthof Washington-Hall ohngefähr dreißig Reisende beim Nachtessen fanden, und uns erquickten.

Cincinnati im Ohiostaat, liegt an der Südgrenze von Kentuky, an der Westgrenze von Indiana, sehr vortheilhaft auf dem rechten Ufer des Ohio. Die Stadt wurde im Jahr 1790 gegründet; hatte noch im Jahr 1798 nur hölzerne, grobgezimmerte Häuser, ist jetzt aber sehr hübsch, und nach dem Plan von Philadelphia gebaut, und zählt 14,000 Einwohner. Sie steht 75 Schuh höher, als der mittlere Stand des Ohio. Denn dieser Fluß steigt, wenn der Schnee schmilzt, oder nach starken Regengüssen, über 45 Schuh hoch, und bespült dann sogar den Fuß der ihm nächstgelegenen Häuser. Von solchen ungeheuern Anschwellungen eines Stroms kennt man in Europa nichts Aehnliches.