Eben diese anmuthige und bequeme Lage Cincinnati's bewirkt schnelle Vergrößerung und lebhaften Verkehr der Stadt. Täglich kommen Dampfboote an, oder gehen ab. Es sind von hier bis Neu-Orleans noch 540 Stunden. Ein Dampfboot fährt stromab in acht Tagen dahin. Hingegen von Cincinnati weg stromauf nach Pittsburg sind nur 280 Stunden; das Dampfboot braucht aber zehn Tage dazu.
Man weiß, am Ohio war in der Urwelt eine recht eigentliche Heimath jener verschwundenen riesenhaften Thierart, die den Namen der Mammuth trägt, und Cuviers Forscherblick und Fleiß schon in mehrere Arten getheilt hat. Ich sah zu Cincinnati eine ganz kostbare Sammlung von Ueberresten dieser ungeheuern Gerippe. Ein Zahn, von der Gestalt eines Elephantenzahns, hat die Länge von 6 Schuh, und ist 150 Pfund schwer. Diese Sammlung ist im hiesigen Museum, wo man auch andere Natur- und Kunstseltenheiten Amerika's, eine lebendige Klapperschlange in einem eisernen Käfig, Mineralien, Kleider, Schmuckwerk und Waffen der Indianer, die noch vor einigen Jahren nicht weit von der Stadt wohnten, schöne Oelgemälde von amerikanischen Künstlern u. s. w. aufgestellt findet. In einem anstoßenden Saale versammelt sich täglich Abends sehr zahlreiche Gesellschaft, um die Zeitschriften und Blätter aus allen Gegenden der Vereinstaaten zu lesen. Viermal wöchentlich hält hier Herr Dorfeuil, der die Güte hatte, mich ins Museum einzuführen, ein gelehrter, liebenswürdiger Canadier, öffentliche Vorlesungen über wissenschaftliche Gegenstände. Die andern Tage sind Konzerte im Musiksaal, dessen Hintergrund eine sehr reichgebaute Orgel ziert, auf welcher Herr Dorfeuil meisterhaft spielt.
An der Gewerbigkeit einer solchen Stadt wird wohl Niemand zweifeln. Da wohnt ein geselliges Mirmidonenvolk, wovon wenigstens die Hälfte aus Engländern, Deutschen, Italienern, Schweizern und Franzosen besteht, die alle mit Freuden ihren alten Vaterlanden entsagt haben. Fast bei allen Gewerben verrichten Dampfmaschinen ihren Dienst, die auch die Brunnen sämmtlicher Stadtviertel mit Wasser versehen müssen. Die größte Dampfmaschine, deren künstlicher Bau bewundernswürdig, ja einzig in seiner Art gewesen sein soll, war wenige Wochen vor unserer Ankunft abgebrannt. Sie hatte zu gleicher Zeit mehrere Mahl- und Sägemühlen, dann ein Distillirwerk, eine Baumwollenspinnerei und endlich noch eine Wollkrämpelmaschine getrieben.
25.
Besuch von Neu-Vevay.
(28. Sept. bis 4. Okt.)
Mein junger Begleiter und Freund verließ mich in Cincinnati und kehrte zur Kolonie seines Vaters zurück. Ich gab ihm mein Pferd mit, und bestieg ein Dampfboot, den Spartaner, das nach Madison, einem Städtchen in Indiana, ohngefähr fünfunddreißig Stunden zu Wasser von Cincinnati, abfuhr. Ich wollte eigentlich nach Neu-Vevay, das zehn Stunden näher liegt, um dort einige alte, europäische Bekannte und Freunde zu besuchen. Der kleine Umweg verschlug mir nichts. Auf dem Spartaner fand ich ein Dutzend Reisende, die bei meinem Eintritt ins Zimmer alle mit Lesen oder Schreiben beschäftigt waren.
Das Boot flog schwalbenschnell längs den hohen, schroffen Waldufern des Ohio dahin. Von Zeit zu Zeit gingen flüchtig, wie Zauberlaternenbilder, schöne Landhäuser und malerische Pflanzer-Einsiedeleien an uns vorbei. Die Dampfboote auf dem Ohio, obgleich die Bedienung der Gäste, wie überall, vortrefflich ist, sind doch minder groß, als auf dem Hudson, und platter, daher auch in ihrer Mechanik anders eingerichtet. Der Grund davon liegt darin, daß sie beim niedrigen Wasserstande, vom Juli bis November, leichter über die zahlreichen Sandbänke hingleiten können.
Wir waren Mittags von Cincinnati abgefahren, den andern Morgen um sechs Uhr befand ich mich in einer der fruchtbarsten Landschaften am Ohio zu Madison. Nachts ging ein Dampfboot stromauf nach Vevay, das ich benutzte.
Bekanntlich wurde Neu-Vevay im Ohiostaate von den drei Brüdern Dufour, aus dem Kanton Waat, im Jahr 1802 gegründet. Diesen Schweizern folgten noch in demselben Jahr, und in den folgenden, mehrere ihrer arbeits- und freiheitslustigen Landsleute. Anfangs legten sie sich besonders auf den Weinbau, wozu sie die Pflanzen aus ihrem Vaterlande mitgebracht hatten. Diese Reben trieben sogleich ausserordentlich, waren sehr saftvoll, aber plötzlich im August starben sie ab. Eben so fruchtlos blieben spätere Versuche mit den Pflanzen vom Ufer des Genfersees. Jetzt aber haben sie, und mit besserm Erfolg, Reben vom Kap der guten Hoffnung und von der Insel Madera angepflanzt. Sie gedeihen gut, und bei achtzig Jucharten Landes sind schon damit bedeckt. Die Rebstöcke sind in lange Reihen, spalierartig gesetzt, und eine Reihe von der andern ist so weit, daß der Pflug zwischen durch kann, weil man sich dessen hier bedient. Ich fand die Trauben damals schon reif. Die Beeren sind von einer dunkeln Schwärze, groß wie Pflaumen, und haben eine dicke Haut. Ihr Geschmack ist himbeerenartig, ziemlich angenehm. Auch der Wein behält diesen Himbeergeschmack lange. Doch trank ich auch einen hellrothen, sehr alten, der wenig vom rothen Neuenburger in der Schweiz verschieden war.
Jetzt wohnen in Vevay ohngefähr hundert Familien aus der Schweiz, und eben so viele amerikanische. Da die Lage des Orts gewiß angenehm, der Boden ergiebig, das Klima mild ist, sollte er wohl bevölkert sein. Denn weit umher und ringsum ist eine Menge von Landhäusern und Pflanzungen. Man sagte mir aber, die Herrn Dufour, die das Land alles von der Regierung an sich gekauft hatten, wären anfangs, mit dem Preis der Grundstücke, bei deren Wiederverkauf zu theuer gewesen. Sie hätten sogleich daran ein Gutes gewinnen wollen, und blos davon meistens an Amerikaner verkaufen können, von denen nachher die wenigsten im Stand gewesen seien, zu zahlen. Viele Schweizer setzten sich daher in der Nachbarschaft an, wo sie eben so gutes und wohlfeiles Land fanden und sich gegenwärtig sehr gut stehen. Wären alle Höfe derselben in Vevay vereint, würde dies eine der beträchtlichsten Kolonien sein.
Trotz dem, daß Vevay nur aus zwei oder drei leidlichen Straßen besteht, führt es doch den Namen einer Stadt. Die Gassen, die noch künftig werden sollen oder können, die einstigen öffentlichen Plätze, Märkte u. s. w. sind schon vorgezeichnet und vorbehalten.