Leider erfährt man noch jedes Jahr von Unglücksfällen auf diesen gewaltigen Flüssen. Alle Schifffahrtskunst hilft dagegen nicht. Die Strombetten ändern häufig; entwurzelte, riesenartige Bäume lagern sich quer ein. Sandbänke und selbst Inseln treten hervor, wo sonst keine waren. Ein Schweizer, der auf die Art in einem Jahr zwei befrachtete Fahrzeuge verloren hatte, erzählte mir, daß er, nach seinem Unglück, erst vernommen, es hätten wenige Tage zuvor zwölf Fahrzeuge das nämliche Schicksal in der nämlichen Gegend erfahren.

Herr Morero in Neu-Vevay erzählte mir, er sei im Februar 1823 auf dem damals größten Dampfschiff, genannt der »Tennesee«, den Missisippi heraufgefahren. Wie das Fahrzeug in der Höhe der Natches war, schoß es gegen einen Baum, der noch fest an den Wurzeln hangend, mitten im Wasser lag, und mit seinem Wipfelende den Kiel des Schiffs durchbohrte. Es war neun Uhr Abends, finstre Nacht, bei kaltem Regenwetter. Die Piloten und Mechaniker machten sogleich Lärmen. Die Reisenden auf dem Verdeck, ihrer ohngefähr neunzig Personen, hatten den Stoß gespürt und die Gefahr blieb ihnen kein Geheimniß. Der Kapitain, schon im Bett, sprang auf, lief umher zu den Reisenden, die zum Theil auch schon in den Betten im Zwischenverdeck waren, kündigte ihnen die Gefahr an und mahnte sie, an ihre Rettung zu denken. Während er noch redete, ging er zur Thür, die zur Dampfmaschine führt; indem er sie öffnete, um hineinzutreten, stürzte durch die Erschütterung des Fahrzeugs eine Holzbiege in der Nähe zusammen und verrammelte die Thür. In demselben Augenblick ging auch das Schiff unter, um nie wieder zu erscheinen. Alle spätere Nachforschungen, es zu finden, sind fruchtlos geblieben. Die Personen, die zwischen den Verdecken waren, hatten indessen das, was sie in ihren Reisekisten vom Besten besaßen, genommen und sich damit ins Wasser gestürzt, um schwimmend ein Ufer zu erreichen. Da blieben sie, ungewiß ihres Looses, die lange, finstere, regnerische Winternacht, vor sich die brüllende Fluth, hinter sich Felsen, mit den Füßen noch tief im Wasser. Von etwa 150 Personen, die überhaupt auf dem Dampfboot gewesen waren, hatten nur achtzig das Leben davon gebracht. Der junge Morin, der nun seine Reise zu Lande fortsetzte, kam erst Ende Aprils in Vevay an, wo man ihn schon zu den Todten gerechnet hatte.

Auch in Vevay wird die englische Sprache, wie überall in den Vereinstaaten, nach und nach die herrschende Landessprache werden, obgleich mehr als die Hälfte der Einwohner nur die deutsche und französische aus Europa mitbrachten. Schon jetzt werden die Sitzungen des Gerichts, in denen ein Herr Dufour erster Richter ist, in englischer Sprache gehalten. Derselbe Fall ist in den öffentlichen Schulen und bei den gottesdienstlichen Versammlungen. Diese Uebung waltet in allen Umgegenden von Vevay, tief ins Gebiet von Kentuky hinein, obgleich auch dort die Hälfte der Bevölkerung aus Deutschen und Franzosen zusammengesetzt ist. Man findet da nicht einen einzigen Geistlichen, der in diesen beiden Sprachen predigt.

Man läßt sich diese anfangs peinliche Unbequemlichkeit, eine neue Sprache zu lernen, gern gefallen, weil sie zweckmäßig ist. Zudem sind die Vortheile zu groß, Bürger dieses neuen und väterlichen Vaterlandes zu sein. Bürger ist man nach fünfjährigem Aufenthalt in demselben, wenn man den Eid der Treue geleistet und geschworen hat, nicht in Dienst, Amt, Gehalt irgend einer europäischen Regierung zu stehen. Dann hat man an allen Rechten des Staatsbürgers Theil, wählt in den Versammlungen die Obrigkeiten und läßt sich wählen, sei es unmittelbar durchs Volk oder von den durchs Volk ernannten Wahlherrn. Dabei ist jeder waffenfähige junge Mann von zwanzig Jahren, zur Zeit des Kriegs, Streiter fürs Vaterland. Er übt sich in Waffen. Jährlich etwa ein dutzendmal werden Kriegsübungen vorgenommen.

Als sich die Schweizer von Vevay das erstemal zu diesen Waffenübungen stellen mußten, es war einige Tage vor dem »vierten Juli«, dem Denktag und Fest der amerikanischen Unabhängigkeit, verlangten sie dem Artillerie-Corps einverleibt zu werden, weil ihrer die meisten schon in der Schweiz in dieser Waffengattung gedient hatten. Die Regierung schickte ihnen darauf sogleich eine Achtpfünderkanone zu, die von einer Feste des Illinois-Staates genommen war. Dies Geschütz, nebst allem Zubehör, ward den amerikanischen Schweizern mit Feierlichkeit und ermunternden Wünschen übergeben. Sie übten sich sogleich wieder freudig ein, und zehn Tage nachher erschienen mit ihrer Kanone, zum mächtigen Erstaunen der Altamerikaner, die in ihrem Leben keine Uniformen gesehen hatten, fünfundzwanzig Mann in blauer Kriegstracht mit rothen Aufschlägen und Bärenmützen. Noch mehr verwunderte man sich über die Gewandtheit dieser Schützen, und über die Schnelligkeit ihrer hintereinander folgenden Schüsse. Beim Gastmahl, das dem Waffenfeste den Schluß gab, erhielten alle diese Schweizer Offiziersrang.

26.
Einsame Wanderung in der Wildniß.
(4. bis 7. Oktober.)

Noch hatte ich einen ansehnlichen Reisestrich vor mir durch die stillen, unbevölkerten Wildnisse von Kentuky und Virginien, um wieder in die angebautern Landschaften der östlichen Staaten zu gelangen. Die Jahreszeit war vorgerückt, die Witterung schon unzuverlässig. Ich wünschte, der weite Raum von Wäldern, Strömen, Ebenen und Hügeln zwischen dem Ohio und dem freundlichen Baltimore läge schon hinter mir.

Darum zauderte ich nicht länger, überwand mich, sagte meinen lieben Bekannten im amerikanischen Vevay Lebewohl, und setzte in einer Fähre (Ferryboat) über den Fluß, die da immer zur Ueberfahrt von Menschen und Vieh bereit liegt. Jetzt stand ich auf dem Boden des Kentukygebiets. In einer Stunde war ich zu Gand, einem kleinen Flecken, der gegen Vevay über liegt. Ich hatte versprochen, hier noch den Herrn Agnel zu besuchen, der auf seiner Niederlassung eine schöne Weinrebenpflanzung unter Aufsicht des Herrn Oboussier von Lausanne hat.

Da und in den Umgebungen sah ich zum erstenmale Neger-Sklaven auf dem Felde arbeiten. Der Anblick war mir widerlich. Noch inmitten der großen, schönen Freistätten des Menschenrechts auf Erden Sauerteig aus dem zivilisirten Europa! – O dies gelehrte, feinsittige, philosophische, glaubensstrenge, schönrednerische, bücherreiche, heldenmüthige, christliche Europa, wie ist es doch mit seinen Verfassungen, Gesetzen, Kasten, mit seinen Timurlengs und Dschengiskhanen, mit seinen Confutsen und Zoroastern, Sadi's und Bidhay's, mit seinen Lama's, Braminen und Suder's so auffallend der Großmutter Asia Zug um Zug verwandt!

Indessen die Negersklaverei wird nun in Nordamerika gänzlich abgethan; und schon gegenwärtig ist das Loos der Schwarzen sehr mild.