Den Sonntag vor meiner Ankunft hatte eine Negerin des Herrn Agnel Hochzeit mit einem Schwarzen aus einer andern Niederlassung gehabt. Das ist ein hoher Tag für diese Kinder Afrika's, denn, ausser allen andern Genüssen, wird ihnen auch für diesen Tag, aber nur für diesen, die Freiheit, wie ein flüchtiges, süßes Naschwerk, gelassen. Es ist Sitte, daß an solchem Tage der Herr der Pflanzung und seine Familie das Haus verlassen. Die verlobte Negerin ladet aus der Nachbarschaft so viele ihrer Freundinnen ein, als sie will; der schwarze Bräutigam thut desgleichen.
Zeitig erscheinen die Gäste insgesammt Morgens, aufs Beste ausgeschmückt, größtentheils zu Pferde oder in leichten Reisewagen. Eine kleine Negerin an der Hausthür meldet die Ankommenden, wie sie nacheinander erscheinen, mit ihrem Namen (am meisten sind Dschin und Jak) und dem Familiennamen des Pflanzers, welchem sie angehören. Sie legen nun in ihre Begrüßungen, in ihre Gespräche und Unterhaltungen die möglichste Artigkeit. Alles nennt einander Herr, Frau, Fräulein (Gentleman, Lady etc.). Da ist nicht das Rohe, Plumpe, Steife, wie allenfalls bei Leibeigenen in Europa oder an Bauernhochzeiten. – Die Mahlzeit, die im Einzelnen und Ganzen wohlgewählt und wohlgeordnet ist, dauert gemeinlich bis gegen Abend, dann beginnt die Lust der Tänze durch die Nacht bis zum Morgen, wo jeder in seine Pflanzung heimkehrt, um im Schlaf die Maske der Freiheit wieder abzulegen, die er für einen Tag getragen hatte.
Die Pflanzer begünstigen dergleichen Heirathen gern. Verheirathete Neger, weil sie einander anhangen, arbeiten fleißiger, betragen sich anständiger, aus Furcht, von ihren Herren verkauft und von der Geliebten getrennt zu werden. Der verheirathete Neger wohnt oft drei bis vier Stunden Wegs von seiner Frau. Alle Woche einmal besucht er sie und seine Kinder, denen er mit voller Seele gehört.
Es gilt, wie bei den Sklaven oder Leibeigenen Europens, auch hier die Uebung des barbarischen Mittelalters: partus sequitur ventrem. Nämlich die Kinder aus diesen Ehen gehören demjenigen Pflanzer, dem die Mutter angehört. Und sind die Kinder erwachsen, hat er für seinen Bedarf zu viel Neger, kann er sie anderswohin verkaufen. Nicht nur Neger, auch Mulatten (von Europäern und Negerinnen), und Quarterons (von Europäern und Mulattinnen oder Mestizinnen, Töchtern eines Europäers und einer Indianerin) sind unter den Sklaven.
Drittehalb Stunden Wegs von der Niederlassung des Hrn. Agnel, nicht weit von Frederiksburg, fand ich mitten in Wildniß und Wald vier einsame Schweizerfamilien aus dem Neuenburgerlande angesiedelt. Sie wohnten hier ganz behaglich nun schon seit sechs Jahren, aber im vollsten Sinn des Wortes, geschieden von der übrigen Welt der Lebendigen, sich selbst ihre Welt bildend. Es waren die Familien Guinand, Vater und Sohn, Persot und Rochat. Sie hatten keine Sehnsucht nach dem Treiben draussen. Sie schienen in ihrer Einsiedelei ganz zufrieden. Warum hätten sie es nicht sein sollen? Der dankbare Boden, den sie bauten, die kleinen Heerden ihres Hausviehs, die nahe Jagd umher, stillten ihre einfachen Bedürfnisse im Ueberfluß, und ihre Wohnungen gewährten ihnen jede Bequemlichkeit, die sie fordern mochten. Sie nahmen mich mit Herzlichkeit bei sich auf.
Ich aber wollte eigentlich noch die Gruben von Bigbone sehen, die nicht gar entfernt sein sollten, und wo die vielen Mammuthsgebeine gefunden werden. Ich machte den Weg zu Fuß, weil ich nur dem Ufer des Flusses nachzugehen hatte, um eins der Dampfboote ansichtig zu werden, die alltäglich den Ohio herauffahren.
Indem ich also durch Wald und Wilde sinnend hinwanderte, mit den Gedanken noch die Einsiedelei der vier Familien umschwebend, sah ich plötzlich, zwischen den Bäumen hervor, als wäre ein Umhang weggezogen, eine unerwartete Erscheinung. Auf einem prächtigen Rosse saß in fremder aber kostbarer Tracht ein junges, schöngewachsenes Frauenzimmer, mir entgegenreitend, und von zwei andern, ebenfalls zu Pferde, gefolgt, als wären es Dienerinnen. Die eine von diesen schien hiesigen Landes zu sein. Die reizende Gebieterin voran trug ein bläuliches, nettes Jagdkleid, reichverziert, zu schmuckvoll für diese Einöden; dazu einen feinen, breiten Strohhut, von welchem seitwärts ein grüner Schleier herabfloß.
In Wielands, Ariostos und Tassos Gedichten kann man wohl solchen Feengestalten oder irrenden Damen mitten in unbekannten Wildnissen begegnen. Aber in einem der amerikanischen Urwälder, wo kaum der Weg recht erkennbar war, wo weit umher Todesschweigen herrschte, welches das Wellengeräusch des Ohio nur feierlicher machte, wo ich für solche Tracht und Pracht kein Schloß, keine große Stadt in der Nähe wußte, glaubte ich dergleichen nie erwarten zu können. Ich war auch in der That so überrascht, ich muß sagen, verblüfft, daß ich, ohne an diese neue Diana ein Wort zu richten, sie nur anstaunte. Ich konnte mich nicht erwehren, sogar meinen Hut, ganz gegen Landessitte, höflich vor ihr abzuziehen. Sie erwiederte mit einem artigen Gegengruß und verschwand hinter mir zwischen den Bäumen. Es verdrießt mich noch jetzt, daß ich die Geistesgegenwart in dem Grade verlor, sie nicht einmal anzureden.
Ich wanderte weiter. Der Weg war übel. Von Zeit zu Zeit ging er mir unter den Füßen gänzlich aus, und ich behielt nur die Sonne zur Gehülfin, meine Richtung zu wählen. Länger, als ich vermuthet hatte, mußte ich in der Einöde dahin pilgern. Nach viertehalb Stunden kam ich endlich zu einem einsamen Weiler, der Sugarcreek hieß. Meine Ermüdung machte mich zufrieden, nur ein Obdach und Menschen zu sehen.
Freundlich ward ich von den gutmüthigen Pflanzern in ihrer saubern Wohnung empfangen. Es war ein junges Ehepaar, welches aus Massachusets sich hierher begeben und angesiedelt hatte. Die Leutchen wohnten erst seit zwei Jahren in Sugarcreek und schienen mit ihrem Aufenthalt wohl vergnügt. Ich verlangte etwas zu essen. Man bediente mich nicht nur sehr reinlich, sondern auch mit ausgewählten, wohlbereiteten Speisen, wie ich gerade hier nicht zu erblicken gedacht hatte.