Jetzt erfuhr ich, daß ich bis nach Bigbone noch sieben Stunden Wegs zu machen habe, und mich ohne Pferd und ohne Wegweiser kaum dahin finden würde. Da sagte ich in meinem Herzen den Mammuths-Gräbern Valet, und beschloß, bei meinen freundlichen Wirthen zu übernachten, um von da auf einem Dampfboot geradeswegs nach Cincinnati zurückzukehren. – Schon Abends hörte man zwei Kanonenschüsse vom Ohio, die von den weiten Wäldern umher den Gegengruß in sekundenlangem Wiederhall zurück empfingen. Die Zeichen kamen von zwei Dampfbooten, General Pike und Ostrich, welche den Fluß hinab gen Laurencebourg fuhren, und in der Morgenfrühe wiederkehren mußten.
Der Abend verfloß in traulicher Unterhaltung. Wie viel läßt sich aus den Gesprächen einfacher Menschen lernen, die in gleichweiter Entfernung von der Thierheit des Wildenthums und der Thierheit des verkünstelten, überfeinen Städterwesens, groß, bescheiden, frei und wahrhaft, wie die Natur sind! Als ich zu meinem Nachtlager ging, war der reine Himmel schwer von Sternen. Der aufgegangene Mond zitterte hinter den Wipfeln riesenhafter Bäume, die er schon seit Jahrhunderten beschienen. Ein weites Schweigen waltete um die Pflanzerwohnung in den Wäldern und längs dem Ufer des Ohio. Es war aber das alte Schweigen der Einöden, welches auch der Tag selbst nicht stört, es sei denn, daß ein Sturm durch die endlosen Forsten zieht.
Morgens sechs Uhr kam das Dampfboot General Pike schon wieder den Fluß aufwärts. Ich hörte das Zischen der Dämpfe schon aus der Ferne. Auf ein Zeichen, das ich vom Ufer gab, erschien ein Kanot, das mich zum Schiffe brachte. Abends fünf Uhr stieg ich schon in Cincinnati ans Land. Einer meiner neuerworbenen Freunde, Herr Perret, nahm mich sogleich mit sich in ein Konzert, das zu Ehren Lafayettes gegeben wurde. Dieser Anlaß, diese Töne, und die Gesänge hatten auf mein Gemüth tiefen Eindruck. Es wurden die Namen Wilhelm Tells und Lafayettes und Washingtons gefeiert. Es ist doch das Göttliche in der Brust der Sterblichen, zu allen Zeiten, unter allen Himmelsstrichen, das hoch Vorwaltende, und das, was immerdar am innigsten ergreift. Die Welttheile und die Jahrtausende erkennen keine andere Heroen, als die Heroen der Menschheit und ihres ewigen Rechts. Was weiß man doch nach Jahrtausenden von unsern Tags- und Schlachthelden, den Massenas und Moreaus, den Wellingtons und Blüchers und wie sie heißen mögen? Höchstens beschäftigt sich mit ihnen ein müßiger Geschichtsklitterer, oder der Knabe schleppt sie mit hundert ähnlichen im dürren Kompendium zur Schule, um sie wieder zu vergessen.
27.
Fortsetzung des Wegs in der Wildniß.
(8. bis 12. Oktober.)
Es war mir darum zu thun, die französische Kolonie Gallipolis zu sehen. Man rieth mir, das linke Ufer des Ohio zu verfolgen bis ins Gebiet von Virginien, und dann bei Bigsandi wieder über den Fluß zurückzugehen, um nach Gallipolis zu kommen. Ich kaufte mir zu dem Ende ein braves Reitpferd, ließ mich damit von Cincinnati auf einer Fähre nach Neu-Port im Staat Kentuky über den Ohio setzen, und reisete so dem linken Stromufer nach, ohne besondern Merkwürdigkeiten oder Abentheuern zu begegnen. Am dritten Tag Abends war ich neunundzwanzig Stunden von Cincinnati in einem geringen Städtchen, Namens Washington.
Hier vernahm ich vom Wirth, der von Straßburg gebürtig war, aber nicht drei Worte mehr deutsch verstand, daß ich ganz irre gefahren sei. Ich gerieth in nicht geringe aber keineswegs angenehme Verwunderung, als ich hörte, ich müsse wieder eine gute Strecke zurück, und habe einen Umweg von zwölf bis dreizehn Stunden gemacht. Man muß es gar nicht übel deuten, wenn die Leute in diesem neuen Lande die vaterländische Geographie schlecht inne haben. Sie lernen sie nur aus dem Munde der Reisenden, und pflanzen sie überlieferungsweise fort.
Also kehrte ich den andern Tag, in mein Schicksal ergeben, geduldig um, wandte mich gerade gegen den Ohio, setzte zu Maysville, vier Stunden oberhalb Augusta, über den Fluß, und kam dann, nach sechs Wegstunden, in West-Union, auf der Landstraße nach Cincinnati gelegen, an.
In den meisten Pflanzungen und Niederlassungen, durch die ich während der letzten vier Tage im Gebiet von Kentuky gekommen war, wurden zahlreiche Sklaven gehalten, welche zur schweren Landarbeit gebraucht werden. Der Anblick dieser Unglücklichen, in welchem Menschen, die sich veredelter halten, die heilige Würde, die ewigen Rechtsame der menschlichen Natur entweihen und verletzen, gab mir jedesmal eine üble Stimmung. Saß ich zu Tisch, stand beständig eine Negerin hinter mir, um mich zu bedienen; etwas Unbehagliches für den, der nicht gewohnt ist, sich von Sklaven aufwarten zu lassen. Die Negerinnen verrichten die häuslichen Dienste. Immer auf jede Bewegung des Herrn oder der Gebieterin aufmerksam, können diese keinen Blick thun, den die Negerin nicht versteht, und augenblicklich als Befehl betrachtet und vollstreckt.
Was müssen sich die armen Geschöpfe doch Alles gefallen lassen! Die amerikanischen Zeitungen vom vergangenen Monat erzählten, die Gemahlin des Augustin Iturbide, des bekannten Kaisers von Mexico, sei so kaiserlich-vornehm oder bequem gewesen, daß wenn eine Mücke auf ihrer Hand saß, sie eine ihrer Sklavinnen rief, sie fortzublasen. In mehreren Häusern hörte ich die Hausfrauen stets über ihre Negerinnen klagen, wenn etwas im Hause nicht war, wie es sein sollte. Fehlte etwas an der rechten Bereitung der Speisen, hatte das Linnenzeug nicht die gehörige Weiße u. s. w. – immer waren die Negerinnen schuld. Nicht nur die Kaiserinnen, sondern selbst die gemeinen Pflanzerinnen werden durch das Sklavenbesitzen unglaublich bequem.
In den Ansiedelungen von Kentuky gehen die Kinder der Sklaven ganz nackt, bis zum zehnten Jahr, ohne Unterschied des Geschlechts. Es ist oft ein possirliches Schauspiel, vor einer Hütte ein ganzes Nest voll Negerchen spielen und sich im Staube herumrollen zu sehen. Die Erwachsenen, alle barfuß, haben keine andere Bekleidung, als ein sehr grobes, um den Leib zusammengebundenes Hemd.