Ich blieb nicht in West-Union, sondern übernachtete zwei Stunden Wegs von da, in einem Bauernhause. Als ich meinen Bewirther fragte, wes Landes er sei, antwortete er gar treuherzig: »I have the misfortune to be an Irishman.« (Ich bin so unglücklich, Irländer zu sein.) Die Irländer sind nämlich in den Vereinstaaten am wenigsten geachtet. Unter sämmtlichen Ankömmlingen aus Europa gelten sie für die verderbtesten. Schweizer und Deutsche sind in Nordamerika, als gute Landarbeiter, zum Sprüchwort geworden; der Engländer gilt als Spekulant; der Franzose macht sich zum Jäger und klagt über Langeweile. Der Irländer aber, erstaunt über die Wohlfeilheit des Whisky, ergibt sich dem Trunk und den Folgen desselben.

Ueber meinen Irländer hatte ich, soviel mich betraf, keine Klage zu führen. Er war eine gute Haut. Mein Roß hingegen hätte mehr Grund zur Unzufriedenheit gehabt, denn es mußte die ganze Nacht, da der Himmel den Regen stromweis herabschüttete, im Freien stehen. Obwohl mein Wirth ein Dutzend Kühe, fünf bis sechs Pferde, über hundert Schafe und eine Heerde von Gänsen, Welschhühnern, Enten und Hühnern besaß, hatte er doch keinen Stall. Indeß schien das Pferd dieser amerikanischen Sitteneinfalt ganz gewohnt zu sein; denn ich fand es am Morgen ganz frisch und lustig.

Die aufeinanderfolgenden Regenschauer erlaubten mir erst gegen Mittag, mich auf den Weg zu machen. Ich hatte noch vierzehn Wegstunden bis Portsmouth zurückzulegen. Ein kleiner Strom, Namens Turkycreek, mußte mir anfangs lange Zeit als Führer dienen. Mehrmals war ich genöthigt, durch ihn bald an sein linkes bald an sein rechtes Ufer zu reiten, um vorwärts zu kommen. Er war vom anhaltenden Regen mächtig angeschwollen. Das Pferd verlor oft den Grund unter seinen Füßen, und wir mußten es beide mit Schwimmen versuchen. Ich bewunderte die Geduld des guten Thiers, das sich gar nicht abschrecken ließ, aus einem Schlammloch ins andere, und von einer Seite des Wassers zur andern überzusetzen.

Es ist, bei naßkaltem, trübem Wetter, selbst im Paradiese kein anmuthiges Reisen; um so weniger, wenn man ohne Weg und Steg durch ein unbekanntes, einsames Land hinabentheuert. Ich machte mich immer dabei noch auf das Zusammentreffen mit einem Bären gefaßt; denn mein irländischer Wirth hatte mir des Morgens den Rath gegeben, meine Pistolen gut zu laden, weil sich mir vielleicht dergleichen Reisegefährten durch den Wald aufdringen könnten. Sie seien gar nicht selten. Allein es zeigte sich keiner. Doch am Aussenende des wilden Forstes sah ich wenigstens eine frische, blutige Bärenhaut. Ein Jäger spannte sie zum Trocknen auf.

Noch ziemlich zeitig traf ich endlich in Portsmouth ein, von Müdigkeit und Hunger erschöpft. Zwei Aepfel waren binnen vierundzwanzig Stunden meine Nahrung gewesen. Aber ein artiges Wirthshaus, gefällige Wirthe, ein treffliches Nachtmahl, ein gutes Bett ließen mich bald alle Entbehrungen wieder vergessen.

Ich hatte jetzt noch bis Gallipolis vierundzwanzig Wegstunden vor mir, und nur bis zum nächsten Ort, wo ich übernachten konnte, vierzehn Stunden. Drum begab ich mich andern Morgens früh genug auf die Reise. In einem Bauernhause, vier Stunden von Portsmouth, hielt ich an, um mich und mein Pferd gehörig vorzubereiten, zehn Stunden lang keine menschliche Wohnung zu erblicken.

Wirklich gings von da ununterbrochen durch ewigen Wald, so hoch, so dicht, daß auch die Sonnenstrahlen nur selten durch die verwachsenen Wipfel der Bäume brachen. Landstraße war keine, man mußte auf die halbverwischten Tapsen der Vorgänger genau achten. Hinwieder nahm ich Schnitte und Einkerbungen in den Stämmen links und rechts wahr, die dem Wanderer eine Richtung andeuteten, welche er zu nehmen hatte.

So verging der Tag in steter Beschäftigung, die Spuren der Vorangegangenen oder die Zeichen an Bäumen zu entdecken und zu verfolgen, um mir als Wegweiser zu dienen. Das brave Roß lief beständig seinen Trab, als wüßte es, wie weit noch seine Krippe wäre. Aber Abends, schon war es fünf Uhr, stieß ich plötzlich auf zwei Fußwege, von denen einer links, der andere rechts zog. Ich zauderte lange unentschlossen, wog alle Für und Wider gegen einander ab, und schlug zuletzt rechts ein.

Ich war kaum eine Viertelstunde fortgetrottet, sah ich plötzlich, nur noch fünf Schritte von mir, eine dicke Schlange am Boden liegen. Sie hatte sich kreisförmig zusammengerollt, und streckte den Kopf auf, mit der Zunge mir entgegenspielend. Es war, der Farbe nach, die hier Landes bekannte »Coppersnake« oder Kupferschlange. Sie hatte die Dicke eines mittelmäßigen Mannsarmes und eine Leibeslänge von ohngefähr fünf bis sechs Schuh. Sie richtete sich im gleichen Augenblick weiter auf. Die Bewegungen ihres Kopfes und Halses dabei waren sehr schnell.

Unangenehm überrascht gab ich meinem Pferd den Sporn in die Rippen, seitwärts lenkend. Das Roß aber, erschrockener noch als ich, nahm einen gewaltigen Satz und jagte davon. Ich behielt immer das Gesicht, wie Bürgers wilder Jäger, im Nacken, um zu gewahren, ob uns das Unthier verfolge. Ich verlor es aber bald aus den Augen.