Man erzählte mir nachher, daß die Kupferschlange, an ihrer Dicke und grünröthlichen Farbe leicht kennbar, das gefährlichste Thier in diesen Gegenden sei. Sie ist sehr gefräßig und nimmt es mit den größten Thieren auf. Ihr giftiger Biß wird nach einigen Stunden tödtlich, nachdem der Körper vorher zu einer ungeheuern Dicke angeschwollen ist. Indeß vermindert sich diese wüste Brut überall in gleichem Verhältniß, wie sich die Ansiedelungen der Menschen vermehren. Am meisten wirkt dazu das Halten der Schweine. Es gibt keinen Pflanzer, der nicht eine Zucht dieser nützlichen Hausthiere hätte, die sich ohne seine Sorge vermehren und beköstigen. Ein einziger besitzt deren oft hundert und zweihundert Stück. Sie laufen fast beständig im Wald umher und nähren sich da von Pflanzen, Wurzeln und Gewürmen aller Art. Sie greifen sowohl die Kupfer- als die Klapperschlangen an, und verschmausen dieselben, ohne von deren giftigem Biß Schaden zu leiden. Denn weil der nie tief geht, dringt er nur in den Speck und trifft wohl nur selten ein Blutgefäß.
Unterdessen nahte sich die Nacht. Es wurde um mich her immer dunkler und der Wald immer dichter. Mein Fußweg lief noch immer in seiner alten Richtung rechts, abweichend von meiner frühern. Ich tröstete mich damit, daß ich auf die Art dem Ohio aufwärts gelangte. Denn wieder umzukehren spürte ich in mir auch nicht die mindeste Lust.
Weil mir aber mit dem erlöschenden Tageslicht auch die Hoffnung erlosch, irgend eine Menschenwohnung zu erreichen, und mir es schien, daß ich schon eine lange Strecke Wegs mehr gemacht hätte, als erforderlich gewesen, um der mir zum Uebernachten bestimmte Pflanzerei zu begegnen, fügte ich mich in mein Verhängniß. Ich musterte im Vorbereiten links und rechts die Plätze, wo ich Nachtherberge nehmen könnte. Ich besaß allenfalls gegen Kälte einen guten Mantel; konnte auch Feuer anschlagen und hatte meine geladene Doppelpistole bei mir. Nur mit der Küche zum Nachtessen bliebs übel bestellt. Ich hatte Dammhirsche, Welschhühner und anderes Geflügel unterwegs erblickt, aber weder Jagd darauf machen wollen, noch mit meinem kurzen Feuergewehr machen können.
In diesen trübseligen Ueberlegungen einer verzweifelnden Verzichtung auf alles Heil, verdünnerte und öffnete sich mit einemmale vor mir der Wald, und vor meinen Augen lag ein Bauerhof. Freudiger, als ein abentheuernder Ritter nach langen Irrfahrten einem Feenschlosse, trabte ich dem bescheidenen Holzpalaste entgegen und hielt vor demselben, als mein eigener Herold, mit lauter Stimme rufend: »Holla! kann hier ein Reisender über Nacht bleiben?«
Eine ältliche Frau, begleitet von zwei jungen Frauen, trat hervor. Sie bedauerten, mich nicht empfangen zu können, weil sie allein, und ihre Männer abwesend wären. Sie beruhigten mich inzwischen damit, daß ich, den Weg fortsetzend, in einer guten halben Stunde eine andere Pflanzerwohnung antreffen würde. Nebenbei erfuhr ich auch noch, daß ich wirklich irre geritten sei, und beinahe zwei Stunden lang einen Querweg durch die Waldung verfolgt habe.
Wie unlieb mir auch alle diese Erklärungen, Fingerzeige und Nachrichten lauteten, wollte ich doch nicht zudringlich werden. Ich trabte also frischerdings wieder in die Nacht der vor mir gelegenen Wälder hinein, auf einem Pfad, den mir die Frauen angewiesen hatten. Im schlimmsten Fall blieb mir doch das nun einmal gesehene Haus und die Rückkehr dahin.
Es ward mir jedoch mit jedem Augenblick unheimlicher, je tiefer ich ins Gehölz eindrang und je stärker die Finsterniß wurde. Ich mußte vom Pferde steigen, und von Baum zu Baum die Einkerbungen der Stämme mit den Fingern ertasten. – Welche Seligkeit aber, als mir nach einer halben Stunde, durch die Säulen der Waldung spielend, röthliches Licht entgegenschien. Ich verdoppelte den Schritt, und stand bald vor der roh aus Baumstämmen gezimmerten Hütte eines Pflanzers. Auf meinen Anruf erschien ein Mann. Auf die gewöhnliche Anfrage öffnete er mit dem freundlichen Wort: Walk in, Sir! (treten Sie ein, Herr!) den Pfahlhag, mit dem jede Hütte eines amerikanischen Ansiedlers umgürtet zu sein pflegt. Ich trat ein. Beim Feuer saß eine Frau. Sie stand auf, bot mir ihren Sessel und sagte: Sit down, Sir! (setzen Sie sich, Herr.) Diese beiden Redensarten, Walk in und Sit down, sind in Amerika beim Empfang eines Fremden, ohne alle andere Höflichkeitsbezeugungen, die gebräuchlichen, man mag zum schlichten Bauer oder zum reichsten und vornehmsten Manne der Vereinstaaten kommen.
Ich habe meinen Ritt durch die Wildniß etwas umständlich erzählt, nicht eben weil er so gar merkwürdig wäre, sondern um doch eine Vorstellung zu geben, wie man in unangebauten Gegenden des Innern dieses Welttheils reiset, wo ohne Zweifel, bevor ein Jahrhundert verfließt, Städte, Dörfer, Paläste und Landgüter durch die besten Kunststraßen verbunden sein und die Erzählungen von heut fast mährchenhaft scheinen werden.
28.
Nach Gallipolis und Point Pleasant.
(12. bis 14. Oktober.)
Man muß mehrere Tage sich selbst überlassen, ich möchte sagen, verlassen, durch unwirthbare Einöden, in Unruhe für das Entkommen aus verirrlichen Waldlabyrinthen, oft nicht ohne Sorge für das arme Leben selbst, die Reise gemacht haben, um die Wollust zu verstehen, die man fühlt, wenn man sich endlich in einer engen, sichern Hütte unter freundlichen Menschengesichtern erblickt.