Wie ich mich recht umsah und mit der Familie nähere Bekanntschaft machte, zählte ich zehn Kinder; das älteste mochte fünfzehn Jahre haben, das jüngste lag am Busen der Mutter. Die gute Frau fragte mich, ob ich zum Nachtessen Kaffee oder Thee verlange und welche Gattung Geflügels? Sie machte kleine Brödchen in einer Tortenpfanne, kochte feine Schinkenschnitte und röstete sie in heißzerlassener Butter. Es gab dazu Fricassee von Geflügel, rothe Rüben als Salat, frische Butter, eingemachte Pfirsiche und statt des Brodes – Hoekake. Ich schildere die Bestandtheile meines Abendmahls nicht darum, damit man wisse, was eine einsame Pflanzerhütte dem unverhofften Gaste leisten könne, sondern um zu sagen, daß dies ohngefähr die Gerichte sind, mit denen man überall im Innern der Vereinstaaten Abends bewirthet zu werden pflegt. Das Frühstück ist meistens aus denselben Platten zusammengesetzt.
Das Tischzeug bestand auch hier, wie immer, aus sauberm Linnen; das Tafelgeschirr, Teller, Schüsseln, aus englischer Erde. Nur die Hausfrau, sehr reinlich gekleidet, sitzt mit zu Tisch, um den Gast bedienen zu können. Sie beginnt ganz gewöhnlich mit der Frage: »Lieben Sie Milch und Zucker zum Thee?« damit ist die Mahlzeit eröffnet. Von den Speisen nimmt sich nachher der Gast nach Belieben selber. Die Wirthin aber ermuntert fleißig mit dem Zuspruch: Help your self! (bedienen Sie sich selbst.) Erst wenn der Fremde gegessen hat, sitzen Vater und Kinder zu Tisch. Die Kinder betiteln ihre Aeltern aber nicht mit Vater- und Mutternamen, sondern auch in der Bauerhütte mit Sir und Maam.
Das Zimmer, welches erst Küche, dann Speisesaal geworden, ward dann Unterhaltungszimmer. Es überraschte mich jedesmal in den Vereinstaaten und auch diesmal, einen schlichten Landmann über die Politik, über die Staatsverfassungen und Nationalverschiedenheiten Europens so unterrichtet und verständig reden zu hören. Viel trägt zu diesen Kenntnissen, die in Amerika eine Hauptstütze der Vaterlandsliebe werden, ohne Zweifel das allgemein verbreitete Lesen der öffentlichen Blätter und Zeitschriften bei. In Europa, wo der Landmann, oft der Städter, wenig vom Ausland, noch weniger vom Inland erfahren darf, weil man es zu hindern wünscht und zu hindern weiß, wo sich die Regierungen durch besoldete Schreiber und durch Zensoren die Vormundschaft über den Volksverstand anmaßen, erzeugt sich eine stinkende Selbstsucht, die nur für das eigene Haus, nicht für das Allgemeine, nicht für Thron und Vaterland, Interesse hat, und, wie das Thier, nur sein Futter und seinen Stall kennt. Es ist wahr, bei der in Amerika bestehenden Preßfreiheit wird auch das unsinnigste Zeug, das leidenschaftlichste, gehässigste Geschwätz gedruckt und verbreitet. Die Feinheit und Artigkeit der Amerikaner im persönlichen Umgang wird häufig in ihren Zeitschriften durch ekelhafte Derbheit, Rohheit und Gemeinheit ganz verdrängt. Aber gerade die unter dem Segen der Preßfreiheit mannigfaltiger gewordene Kenntniß der Menschen, ihrer Leidenschaften und Umtriebe, und die reifere Entwickelung der Verstandesthätigkeit macht die Versuche der schriftstellerischen Bosheit, Unvernunft und Parteisucht kraftlos, die Plumpheit der Blättchenschmierer verächtlich; – während der in kindische Unmündigkeit ängstlich zurückgehaltene Verstand des gemeinen Mannes in Europa sich an Geschmacklosigkeiten am innigsten ergötzt, das Alberne und Unglaubliche am leichtgläubigsten aufnimmt, und der verleumderischen Bosheit in seiner Unerfahrenheit das Ohr am liebsten entgegenspitzt.
Nachdem ich mit meinem Pflanzer einige Stunden in die Nacht hinein geplaudert hatte, verwandelte sich das Sprachzimmer in das allgemeine Schlafgemach. Wir waren unserer vierzehn Personen. Es wurden drei Betten gemacht; das beste mir mit den reinlichsten Ueberzügen. Den Kindern breitete man baumwollene Decken am Boden aus. Die offenen Fugen der Balken von den Zimmerwänden liessen der frischen Luft freien Umlauf.
Ich verließ die zahlreiche Familie schon vor Sonnenaufgang. Der Pflanzer gab mir noch Empfehlung an einen andern Pflanzer mit, bei dem ich unterwegs einkehren konnte. Es war dies ein Herr Thevenot, der fünf Stunden von da entfernt und nur noch zwei Stunden von Gallipolis wohnte. Ich fand ihn und nahm mein Frühstück bei ihm.
Dieser Mann war aus Frankreich, mit einigen tausend seiner Landsleute, zur Zeit der Revolution nach Amerika ausgewandert. Er gehörte ehemals zur französischen Niederlassung von Gallipolis, wo man Land mit Geldtiteln und Schriften kaufte, die nachher in Frankreich allen Werth verloren, als man sie in Münze umsetzen wollte. Man bezahlte die Juchart zu jener Zeit mit fünf Dollars. Gleich zu Anfang ihrer Ansiedelung hatten die Franzosen da mit den Indianern einen Krieg zu bestehen, der ihnen mehrerer Menschen Leben kostete. Zehn Jahre später fing man gegen sie einen Rechtsstreit über ihr Eigenthum an, weil die Titel, womit sie gezahlt hatten, meistens ungültig geworden waren und sie auch selbst noch nicht über ihre Grundstücke die Kaufbriefe urkundlich in Händen hatten. Sie mußten oder sollten zum Theil noch einmal Zahlung leisten. Die Regierung aber nahm doch Rücksicht auf ihren unverschuldeten Verlust, und bewilligte denen, welche nicht kaufen konnten, einen Landstrich, etwa dreizehn Stunden Weges von Gallipolis entlegen, unter dem Namen »French-grant« (französische Einräumung). Auch die Franzosen, welche einst den Unabhängigkeitskrieg mitgemacht, und seitdem kein Glück gehabt hatten, erhielten dort Ländereien. Aber diese Niederlassungen wollten nicht gedeihen.
Auch Gallipolis, wohin ich zeitig ankam, obgleich gar vortheilhaft am rechten Ufer des Ohio hingebaut, ist nur eine kleine Stadt von höchstens hundert Häusern. Die einzigen öffentlichen Gebäude sind ein Kollegium, ein Mettinghouse (Versammlungshaus zum Gottesdienst) und ein Gemeinds- oder Rathhaus. Dampfboote und andere Schiffe halten hier regelmäßig an. Ich hatte mehr von dem Ort erwartet, machte zwar einige werthe Bekanntschaften mit Hrn. Monod, Burcau etc., denen ich empfohlen worden, hielt mich aber doch nicht auf, sondern setzte, eine Stunde weiter aufwärts am Fluß, in einer Fähre über den Ohio und übernachtete zu Point-Pleasant in Virginien. Der Ort liegt am Zusammenfluß des Kanhaway, eines beträchtlichen, schiffbaren Stroms, mit dem Ohio. Große Fahrzeuge gehen noch den Kanhaway hinauf bis zu den Salzwerken von Charlestown, ohngefähr zweiundzwanzig Stunden von Point-Pleasant.
Der Menge von Schiffen nach zu urtheilen, die man, mit Salzfässern befrachtet, überall auf den Flüssen sieht, müssen die Charlestowner Salzwerke sehr ergiebig sein. Der Zentner Salz kostet einen halben Dollar. In den Kaufläden, wo man damit Kleinhandel treibt, zahlt man fürs Pfund zwei Kreuzer. In den Vereinstaaten sind alle und jede Salzwerke Partikulareigenthum, und Staat und Volk stehen sich ganz natürlich besser dabei, als wenn sie Monopol, das heißt, Auflage fürs Volk, in den Händen der Regierung gewesen wären, wie bei den Europäern. Partikularen beuten sorgfältiger aus, und liefern, um gegen die Nebenbuhler zu bestehen, bessere Waare und in wohlfeilerm Preis, als Regierungen; können auch wohlfeiler liefern, weil sie dafür keine Schaar von Intendanten, Direktoren, Ober- und Unterspektoren, Faktoren, Auswägern u. s. w. zu besolden und wohl gar zu pensioniren haben. Es sind in Europa wenig Völker, die nicht unter der Last von Abgaben seufzen, während doch die Regierungen davon nur einen sehr mäßigen Theil empfangen und ihrerseits ebenfalls in beständiger Geldverlegenheit seufzen. Der Schwarm der Beamten, die Summe der Erhebungs- und Einzugskosten verschlingt den vierten oder dritten Theil der gesammten Abgaben. Trotz unserer gelehrten Professoren und dicken Bücher über Finanzwesen, herrschen bei uns daheim noch unglaubliche, starrsinnige Vorurtheile. Man künstelt und vermindert das Naturgemäße, nämlich die höchste Vereinfachung der Geschäfte. Aber man will diese nicht, um immer Gelegenheit zu behalten, guten Freunden oder Verwandten ein Aemtchen zu verschaffen, oder sich einen Troß abhängiger Kreaturen zu machen, oder auch, weil man nicht weiß, was mit der Schaar dadurch brodlos werdender Angestellten zu beginnen sei? Am bequemsten, man läßt diese Leute vom Schweiß des fleißigen Volks mitzehren.
29.
Auf der Turnpikeroad nach Geneva und Baltimore.
(18. Okt. bis 4. Nov.)
Ich verweilte gern ein paar Tage in Point-Pleasant. Ein Hr. Smith daselbst, dem ich Briefe vom Hause Bruen in New-York brachte, hatte viele Güte für mich. Ich mußte auch einen Theil der weitläuftigen Besitzungen des Hrn. Bruen in jenen Gegenden sehen. Mit seinem Sohn und einem seiner Nachbarn fuhr ich folgenden Tags den Kanhaway zehn Stunden weit aufwärts, wo wir ohnweit Potalia übernachteten, dann andern Morgens ans linke Ufer des Kanhaway überstießen. Wir durchirrten hier die großen, meist noch unurbaren Ländereien des Hrn. Bruen, für welche er sich Ankäufer und Ansiedler wünscht. Erst einen Tag später kamen wir nach Point-Pleasant zurück.