Noch war der ganze weitläuftige Landstrich, den ich jetzt gesehen hatte, Wald und Wildniß, von einzelnen Bauernhöfen unterbrochen. Der Boden, wenn gleich nicht von erster Güte, ist im Durchschnitt doch nicht schlecht, oder ganz mittelmäßig, und natürlich längs Flußufern am vortheilhaftesten.
Die Zeit, welche ich der Besichtigung dieser Landschaft gegeben, sparte ich in den nächsten Tagen wieder ein. Ich reisete den 18. Oktober an einem Montag von Point-Pleasant ab, und eilte in vier Tagen über Mariette, Newport, Fischingcreek, Elisabethtown nach Whelling, eine Strecke von dreiundfünfzig Stunden Wegs, bald am linken, bald am rechten Ufer des Ohio. Die Amerikaner setzen, bei niedrigem Wasserstande, häufig zu Pferde über diesen Fluß, wenn sie sich auf des Rosses Gebein verlassen können.
Man hatte mir unterwegs an vielen Orten von einer Ansiedelung gesprochen, die man für eine der schönsten des Landes hielt, und durch welche mich der Weg führen würde. Als ich mich derselben wirklich endlich näherte, sah ich innerhalb einer wahrhaften Waldung von üppigen und reichtragenden Fruchtbäumen einige Wohnhäuser von sehr gefälligem Aeussern. Vor einem derselben stand ein großer, starker Mann mit langem, grauen Bart, der ein Schurzfell vor hatte. Der Beschreibung nach, die man mir gegeben, konnte dies kein anderer, als der Eigenthümer des Gebäudes, Master Homelong, der Wiedertäufer, sein.
Also fragte ich ihn auf deutsch, ob er mir ein wenig Haber für das Pferd spenden könne. Da verklärte sich sein ganzes Antlitz: »Grüß Gott,« rief er, »bist du a Landsmann?« Und ohne meine Antwort setzte er hinzu: »Walk in, Sir!« holte seinen Sohn, der das Roß nehmen mußte, führte mich ins Haus, und richtete nun in seiner Sprache, halb englisch halb deutsch, wie die Deutschen Amerika's immer zu reden pflegen, tausend Fragen an mich. Ich mußte diesem guten Einsiedler von Allem erzählen, von der alten Welt, von meiner Fahrt übers Meer, von der Reise durch die Vereinstaaten u. s. w. Sein Erstaunen war so groß, daß ich mehrmals wiederholen mußte, was ich schon gesagt hatte, und was er mir kaum glauben konnte. »Min Gott, ist denn das möglich! to be shure that's wonderfull journey!« schrie er einmal ums andere. Er setzte mir Kuchen und den köstlichsten Aepfelwein vor, den ich in Amerika getrunken; ich mußte bei ihm zu Mittag speisen. Er war seines Gewerbes ein Schuhmacher, baute daneben seine herrliche Pflanzung mit Einsicht und Fleiß und galt bei seiner Kirchparthei als ein guter Prediger. Als ein kleiner Knabe war er mit seinen Aeltern vor sechszig Jahren von den Ufern des Rheines zu den Ufern des Ohio gekommen, wo man wegen kirchlicher Ansichten, Lehren und Gebräuche keine Mitchristen und redliche, arbeitsame Leute gehässig verfolgt. Die Schnelligkeit meines Reisens erregte seine Verwunderung mehr denn alles Uebrige. Denn er und seine Aeltern hatten zur Ueberfahrt von Europa auf dem Meere fünf Monate zugebracht, und ein Jahr gebraucht, um von der Küste bis zu diesem Platz ihrer Niederlassung zu gelangen.
In einer andern Ansiedelung, wo ich übernachtete, wohnte eine erst vor Kurzem aus England hier ansäßig gewordene Familie. Das Haus war von Backsteinen erbaut; das Innere köstlich, mit zierlichem Haus- und Zimmergeräth versehen. Zwei hölzerne Hütten neben den Stallungen waren der Aufenthalt zahlreicher Negersklaven. Ohnweit dieser Pflanzung war es, wo mir die unheilbringende Paradiesesfrucht einen übeln Streich spielte. Aepfel, von ungeheurer Größe in einem Baumgarten hinter einem Pfahlhag, verlockten mich zur Neugier und Lüsternheit. Durch einen Fall gewann ich dabei eine schmerzvolle Verrenkung, von deren Plage ich erst nach fünf Monaten in Europa durch Mitleid und Kenntniß einer liebenswürdigen Person vollständig befreit werden konnte. Das mag meinen Lesern sehr gleichgültig sein, aber ein wenig dankbar zu sein, ist mir nicht gleichgültig.
Von Whelling hinweg kam ich zum erstenmal auf einen sogenannten »Turnpikeroad« oder Meilenstein-Weg. Eine kunstmäßige Hochstraße ist für den Wanderer das erste Zeichen von der Zivilisation, die in einem Staate herrscht, und der Maßstab ihrer Stufe. Nach wochenlangem Umherfahren in Wäldern und Wildnissen that mir dies sich freundliche Verkünden einer bewohnten und angebauten Welt unendlich wohl. Es gibt dieser Turnpikeroads jetzt mehrere mir bekannt gewordene. Die drei vorzüglichsten sind die von Philadelphia, die von Baltimore und die von New-York. Alle drei gehen in der Richtung von Osten nach Westen, und laufen also über die weitläuftige Verkettung der Alleghanygebirge hin.
Jede dieser Hochstraßen hat fünfundzwanzig Schuh Breite, und die Länge von 100 bis 130 Wegstunden. Von einer Drittelstunde (mile) zur andern ist ein Meilenstein, der die Entfernung desselben von den beiden Städten anzeigt, welche an den Aussenenden der Hochstraßen liegen.
Auch das ist eine mir bemerkenswerth scheinende Eigenthümlichkeit der Vereinstaaten, daß der Bau der Hochstraßen, schiffbaren Kanäle und der Brücken keine Regierungsangelegenheit ist. Unsere europäischen Staatsmänner mögen dazu lächelnd den Kopf schütteln. Aber das Volk des amerikanischen Freilandes befindet sich dabei gar wohl. Es empfängt sehr gute Straßen; die Gemeinden haben darum keine Plagerei von fetten oder fettwerdenwollenden Beamten, von Frohndiensten u. s. w. zu erdulden, und was die Hauptsache ist, die Kosten sind ungleich geringer, schon auch weil kein Brücken-, Straßen- und Bau-Departement, mit seinen Inspektoren, Kommissären, Kassaführern, Controlleurs, Archivaren, Sekretären und Kopisten zu besolden ist.
Es bildet sich für jede Unternehmung eines Brücken- oder Straßen- oder Kanalbaus eine Gesellschaft von Aktienbesitzern. Diese setzt einen Preis für den besten Plan zu ihrem Werk aus. Gewöhnlich sind die Eigenthümer der Güter und Ländereien, welche dem künftigen Kanal, oder der künftigen Hochstraße zunächst wohnen, meistens selbst Annehmer von Aktien, weil die Erleichterung des Waarenverkehrs den Werth ihrer landwirthschaftlichen Erzeugnisse im Preise steigen muß und somit auch den Werth ihrer Grundstücke. – Nach Vollendung der Arbeit wird die ausführliche Rechnung nebst allen Belegen, über die gehabten Unkosten, der Regierung vorgelegt, und diese bewilligt dann, nach einer annähernden Berechnung, den Aktien-Inhabern die Erhebung eines Weggeldes, gemeinlich streckenweis von ohngefähr drei Stunden zu drei Stunden des Wegs.
Die Kosten der Straße von Whelling nach Baltimore sollen ausserordentlich groß gewesen sein. Aber man sieht da auch eine Menge sehr schöner, starker, steinerner Brücken, und der Straßenzug über die Gebirge ist meisterhaft. Dieser läßt sich etwa mit der schönen Simplonstraße in Europa vergleichen, nur daß in den Alleghanybergen die durch Felsen gehauenen Gewölbwege nicht vorhanden sind.