Wohl über tausend solcher Karren zählte ich auf der hundert Stunden langen Strecke Wegs. Auch haben sich längs der Straße die Gasthöfe und Herbergen sehr vervielfältigt und sie sind insgesammt stark besucht. Eben so sieht man von Zeit zu Zeit ungeheure Heerden von Rindvieh und Schweinen auf dieser Straße, die ostwärts den großen Küstenstädten zugetrieben werden, um sowohl diese als die Schiffe mit Fleisch zu versorgen. Eine solche Heerde gebraucht zwei Monate Zeit, um aus der Mitte des Ohiolandes bis Baltimore zu kommen. Und hier wird dann das Vieh lebendig zu vier bis fünf Dollars der Zentner verkauft, was im Ankauf ein bis zwei Dollar gekostet hatte.
31.
Die Heimkehr.
(4. Nov. bis 11. Dez.)
Um Abschied zu nehmen bei meinen Bekannten, ihre Bestellungen und Aufträge nach Europa zu empfangen, blieb ich zwei Tage in Baltimore, dann eben so lange in Philadelphia und auch in New-York. Hier erfuhr ich, daß das amerikanische Paketboot »Desdemona«, ein Dreimaster von 400 Tonnen, ganz neu gebaut, am 15. Nov. nach Europa und zwar nach Havre absegeln würde. Mir konnte nichts willkommener sein. Ich ward mit dem Kapitän alsbald des Preises einig, obwohl ich dem Schiffe gern einen glückweissagendern Namen gewünscht hätte, als den der beklagenswürdigen Gemahlin von Shakespears Othello.
Freunde begleiteten mich noch bis zum Hafen. Ich schied mit verhehlter Trauer von dem Lande, das mir lieb geworden war. »Auf Wiedersehen!« rief ich. Mein Fuß riß sich vom Boden der neuen Welt los. Ich stand im Nachen und fuhr der schönen Desdemona und der alten Welt entgegen. Bald nach mir kam auch der Befehliger des Schiffs, Kapitän Naghel, an Bord.
Ich saß auf einer der äussern Bänke der Kajüte und sah dem gefährlichen Treiben der Matrosen zu, welche an Seilen und Masten umherkletterten, Stangen und Segel und Tauwerke zu ordnen und zu ändern. Es wandelte mich ein Grausen an bei diesem Schauspiel, wo die Menschen, gleich Spinnen, auf Fäden liefen. In demselben Augenblick fiel einer der Matrosen, der sich droben nicht fest genug gehalten haben mochte, aus der Höhe herab. Doch durch die Bewegung, welche eben vom Schiff gemacht ward, glaubte ich ihn gerettet; denn er fiel nicht ins Fahrzeug, sondern ins Meer. Unglücklicherweise aber befand sich da noch das Kanot, auf dem der Kapitän gekommen war. Der Matrose stürzte hinein, durchbrach den Boden. Zwei andere Matrosen mit Seilen stürzten sich ihm sogleich ins Wasser nach und brachten ihn endlich aufs Verdeck. Er war ohne Bewußtsein und schien ganz zerschmettert.
Ein Gegenwind, der jede Minute an Stärke wuchs, machte die Ausfahrt vom New-Yorker Hafen schwierig. Der Kapitän fürchtete die Untiefen, Sandbänke und Klippen, und ließ umwenden. Wir kehrten in den Hafen zurück und warfen Anker. Unterdessen war der unglückliche Matrose wieder zu sich selbst gekommen. Er jammerte und schrie erbärmlich. Der Kapitän ließ ihn auf einem Nachen zur Stadt und dann ins Hospital bringen. Ja, weil der Gegenwind nicht aufhörte, ging Hr. Naghel selbst in die Stadt, den bedauernswerthen Kranken zu versorgen und dessen Stelle durch einen andern zu ersetzen.
Als er folgendes Morgens wieder aufs Schiff kam, vernahm ich, daß der Matrose eine sehr böse Nacht gehabt habe. Der Kapitän meinte, das sei ein übles Vorzeichen für unsere Reise. Der Name der schönen Desdemona deutete auch auf nichts Besseres.
Aber das focht mich wenig an. Ich befand mich hier auf dem Paketboot weit bequemer, als auf dem Hyperion, mit dem ich nach Amerika gekommen war. Bei den besten Einrichtungen der Desdemona für ihre Reisenden waren wir doch nur unserer zwei Reisende, um acht Zimmer mit zwei Betten einzunehmen. Dazu kam mir freilich die Jahreszeit zu statten. In jeder andern Zeit sind bei vierzig Personen an der ersten Tafel, für die der unveränderliche Preis auf dreißig Louisd'or festgesetzt ist; so wie fünfzehn Louisd'or für Reisende am zweiten Tisch, mit Wohnung im Zwischenverdeck; und sieben Louisd'or für Tisch und Wohnung gemein mit den Matrosen.
Die Bemannung der Desdemona bestand aus dem Kapitän, zwei Lieutenants, vierzehn Matrosen, zwei Stewards und einem Koch. Der Grund einer so zahlreichen Schiffsmannschaft, während nur zwei Reisende waren, lag ebenfalls wieder in der Jahreszeit, welche die reichste an Stürmen zu sein pflegt. Das Schiff bedarf größerer Sorgfalt und die Reisenden scheuen sich, mit einem schlechtbemannten Fahrzeug zu gehen. Auch steht um solche Zeit die Prime der Schiffsversicherung, wegen möglicher Unfälle in Orkanen, beträchtlich höher. Die diesmalige Ladung der Desdemona übrigens bestand aus Kolonialwaaren, besonders Tabak.
Die Paketboote haben ihren regelmäßigen Dienst zwischen Amerika und Europa, der von Jahr zu Jahr bestimmt wird. Zwischen New-York und Havre waren in jenem Jahr zwölf dergleichen Fahrzeuge thätig, nämlich: Cadmus, Eduard Quesnel, Lewis, Desdemona, Eduard Bonaffe, die Königin Mab, Don Quixotte, Howard, Heinrich, Montano und Stephania.