Der Herbst ist eigentlich für Amerika die schöne Jahreszeit. Die Amerikaner nennen ihn daher den »Indianer-Sommer«, oft auch nur den »Blätterfall.« In der That, bis zum 15. Nov. lachte über uns herab der herrlichste Himmel; aber am 16. Nov., eben am Tag unserer Abreise von New-York, überzog er sich mit Gewölken; das Wetter wurde unangenehm und drohend. Wir gebrauchten vier Stunden, um aus dem Hafen zu kommen; mußten beim Gegenwind uns langsam drehen und wenden, um Sandbänken und Klippen auszuweichen, und traten erst zu Mittag ins offene Meer.
In den ersten paar Tagen war der Wind uns ziemlich günstig und erträglich; dann aber wuchs seine Gewalt; jeden Tag, jede Stunde kam ein anderer Stoß und Luftstrom. Wir machten dabei viel Weg in kurzer Zeit, aber nicht auf die angenehmste Art. Das Meer gewährte einen finstern, wilden, gährenden Anblick mit seinen lärmenden Wogen.
Das erste Unwetter, das wir zu bestehen hatten, kam uns aus Norden her, und daher also, rücksichtlich unserer Fahrt und Richtung, gar nicht ungelegen. Der Sturm dauerte zwölf Stunden. Alle Segel waren beigelegt, bis auf zwei, die man auch nur zur Hälfte öffnete. In einer Stunde flogen wir über drei Wegstunden oder zehn Seemeilen. Mich unterhielt das Gewirr und Spiel der gewaltigen Wellen, wie sie sich, weiß, wie Schnee, aufbäumten in langen Reihen, und weite, dunkle Furchen zwischen sich ließen. Es waren bewegliche Gletscherketten durch finstere, lange Thäler geschieden. Wenn das Schiff an einem Wasserberg aufstieg, dann und weit hastiger in ein Wellenthal niederfuhr und einer neu heranrauschenden, sich thürmenden Wassermasse mit mächtigem Stoß begegnete, schien das erbitterte Meer wüthend aufzufahren, um das gebrechliche Fahrzeug zu verschlucken. Es war ein prachtreiches, aber zugleich grausenhaftes Schauspiel.
Der zweite Sturm erschien uns wenige Tage nachher, ebenfalls von Norden her; aber widerwärtig für unsere Richtung. Er drängte uns volle zwei Grad südwärts. Die Wogen kamen von der Seite, und schlugen so gewaltig gegen die Rippen des Schiffes, daß sie des Nachts wie Kanonendonner andröhnten. Das Fahrzeug krachte jedesmal in allen Fugen, als bräche es auseinander. Von Zeit zu Zeit fuhren die Wellen leckend über das Verdeck hin.
Der dritte und letzte Sturm – sonst sollen nur der guten Dinge drei sein – überfiel uns auf der Höhe vom Cap Finisterre, am Eingang der Meerenge von Calais. Das was mehr als Sturm, es war Orkan. Der grimmige Ozean glich sich gar nicht mehr; hatte seine ganze Farbe verändert; sah schauderhaft grauschwarz aus. Ein schmutziges Grauschwarz bedeckte über uns den Himmel, und ein falbes Wölkchen öffnete sich nur hin und wieder hell, um jene Grabesfarbe recht deutlich zu zeigen.
Der Kapitän ließ schnell alle Segel einziehen. Aber ehe man noch damit zu Ende war, fuhren, wie Blitze, Windstöße um Windstöße mit einer Macht daher, die Alles wegzureissen schienen. Der Wasserstaub hochaufsprudelnder Wogen wehte über Verdeck und Bord. Das Schiff legte sich taumelnd bald auf die eine, bald auf die andere Seite. Der Kapitän konnte sich im Geheul und Gelärm der Wellen, dem Zischen und Pfeifen des Windes in Seilen, Tauen und Masten, den Matrosen durchaus nicht verständlich machen. Er lief von einem zum andern, that endlich einen bösen Fall, verlor die Besinnung und mußte in die Kajüte getragen werden.
Als er wieder einigermaßen zu sich selbst gekommen war, nahm er die Charte und Magnetnadel. Ich trat zu ihm, als er mit dem Zirkel maß. Ich wagte nicht, ihm eine Frage zu thun, denn seine Unruhe malte sich zu deutlich im Gesicht.
Gegen eilf Uhr Nachts meldete der Lieutenant, er habe Licht von den Leuchtthürmen an der Küste gesehen. Der Wind trieb uns gegen die Küste zu. Ich ging aufs Verdeck. Nacht, Graus, donnerndes Brüllen der Elemente; unter uns, über uns, um uns Alles Bewegung; Alles Aufruhr; nichts Festes mehr; Weltuntergang. – Nun wußte ich, was Orkan auf dem Meere sei; ich hatte sonst manchmal davon gelesen. Aber es war und blieb ein großes Schauspiel. Ich sah in diesen Augenblicken nur die grauenvolle Majestät der mir unbekannten Erscheinungen; die Furcht ums arme Leben plagte mich nicht, kam eigentlich erst hintennach, da sie gar nicht mehr nöthig war. Mein Herz schlug ruhig. Meine Brust ward nur vom Erstaunen bewegt.
Nach Mitternacht, um zwei Uhr, kamen wir der Küste schon so nahe, daß ich ganz deutlich den rothen Laternenblitz der Leuchtthürme sah. Es donnerten fort und fort Wind und Wogen; die Menschen aber wurden stumm. Die Matrosen ließen sich nicht mehr hören. Menschliche Kunst und Kraft standen an den Grenzen ihres Gebiets. Rettung mußte von der Hand des Weltenregierers erwartet werden.
Eine hangende Lampe erhellte das Zimmer der Kajüte mit bleichem, ungewissem Schein. Ich stand da beim Kapitän. Er erzählte mir nun vom Schiffbruch des amerikanischen Paketboots, »der Paris«, Kapitän Robinson, das damals seine zweite Reise machte. Zu allem Ueberfluß holte er noch die Abbildung von jenem unglücklichen und schönen Fahrzeug hervor, und zeigte mir sie. Merkwürdiger war mir die Aehnlichkeit aller Umstände zwischen jenem Schiffe und dem unsrigen; man denke nur, dieselben Stürme von nämlicher Seite her, und dieselben Küsten, wo es scheiterte.