Und dann waren sie an den Wald herangekommen. Die weiche, feuchte Moderluft kam ihnen entgegen. Sie gingen langsamer, als sie in das mildgedämpfte Licht traten. Hoch und feierlich war der Raum. Die dicken, grauen Stämme ragten ernsthaft bis in das gelbe Blätterdach hinein. Ganz leise tastete sich manchmal ein zitternd goldener Strahl aus dem tiefen Blau zwischen dem gelben Dache hindurch zu dem farbentiefen Waldesboden.

„Hier wollen wir uns setzen,“ sagte Karen. „Wir haben ja Zeit.“ Sie saß auf einem Baumstumpf, und er war an ihrer Seite. Vor ihnen, tief gewurzelt und stark, stand die alte Buche mit den wunderfarbig sattgrünen Moosen am grauen Stamm, und eine hohe, schlanke Klettenpflanze hob sich davor in wundervoller Ebenmäßigkeit. Herbstmüde, lichtgrüne und gelbe Farren verdeckten den kleinen Bach, aber sein Murmeln spann sich wie ein endloses Lied von heimlicher Weisheit durch den feierlichen Herbstwald.

Lars hatte sich auf seinen Arm zurückgelehnt im weichen Waldboden. Er sah hinauf in das tiefe Blau zwischen den gelben Blättern. Von ungefähr, aus den unbewußten Tiefen, stieg ihm ein Erinnern auf an die Kinderzeit: Die breiten Kastanienblätter und das weiße Blütenlicht und Mutters Nähe. — So wohl war ihm jetzt wie damals in der uralten Heimstätte, nur daß er es jetzt mit tiefen Atemzügen in sich trank, was er damals im Unbewußten wohl nur halb genoß. So vertraut war ihm das große, blonde Mädchen wie Mutter selbst; das war das Wunderliche an dieser Stunde. Er mußte sie fragen, wie das war. Da richtete er sich auf. Aber seine herbe Unbeholfenheit ließ ihn nicht die rechten Worte finden. Sie hatte sich vorgebeugt, um zu verstehen, wie er’s meinte, und sah ihm tief in die Augen hinein. Da überwand er sich und versuchte es noch einmal, aber es waren auch nur stockende Worte.

Mit eins aber ging eine Veränderung über ihr Gesicht, und wie er das andere Licht in ihren Augen sah, da wußte er, daß sie ihn doch verstanden hatte. — Aber er wußte mehr — er wußte auf einmal die Antwort dazu. Und in dem stillen, milden Waldeslicht sagten sich ihre Augen wunderliche Dinge.

Der milde Herbstfrieden und die heimlich süße Waldesstille waren es gewesen, die hatten den Wächter vor Karens Seele eingeschläfert. Da war die Seele groß und stark aus ihrem Haus getreten und hatte aus Karens klaren Augen herausgeblickt. Und die andere Seele hatte geantwortet, und still, wie der atemlos harrende Herbstwald, hatten sie miteinander geredet.

Dann kam es wie ein herbes Erschrecken in ihr Gesicht. Sie reckte sich auf und ging fest und schnell den Fußsteig nach Aalby voraus, und Lars folgte ihr.

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An dem Nachmittage wunderte sich Lehrer Lind über Lars’ scheues, wortkarges Wesen, und die klugen, dunklen Augen der kleinen Frau Lehrer gingen angstvoll zwischen Lars und Karen hin und her. Aber Karen schien so ruhig und heiter wie sonst zu sein.

Lars blieb nicht lange. Als er nach Hause ging, hatte sich der Nebel wieder zusammengezogen. Er ging wieder durch den Wald. Als er unter die hohen Wölbungen trat, hatte das reglose gelbliche Dämmern etwas Unheimliches bekommen. Wie erstarrt hingen die gelben Blätter in der grauen Luft. Nur manchmal ließ hier oder dort eines müde seinen Halt los und glitt leise, geisterhaft durch den trüben Raum, und zögernd fand es seinen Weg zum tiefgrünen Muttergrunde. Lars hatte sich auf die Stelle vom Nachmittag gesetzt. — Den Kopf hatte er in beide Hände gestützt. Er fühlte nur das eine: es war alles aus.