Er konnte nicht recht denken. Manchmal wollte es in ihm aufzucken wie heißes, wonniges Licht, daß sie ihn liebte. Aber dann kam es wieder wie die Herbstestrübe darübergezogen, unbarmherzig, fast unerträglich. Er hatte sie durch seine eigene Schuld verloren.
Und das Wasser neben ihm murmelte und raunte und spann sein Lied durch die Stille wie von Ewigkeit her. Und es klang unerbittlich, wie unabwendbar ewige Gesetze.
Tastend — leise — geisterhaft — flatterte ein müdes Blatt vorüber. Und allmählich kam sein Leben und stieg vor ihm auf. — Da war der alte, weiße Hof. Da hatten sie ihn fortgeschleppt, und sein Herz war fast darüber zersprungen, aber er hatte die Hand losgelassen, und als er groß und stark wurde, hatte er nicht einmal darum gekämpft. Und aus der heimlich schlichten Eigenwelt hatten sie ihn gerissen in ein Fremdes, in das er nicht paßte. Und dann hatten sie ihn wieder zurückgestoßen mit dem Hunger nach den fernen Landesgrenzen im Herzen. Aber er hatte es ertragen und nicht gekämpft um das ferne Ziel. Und da er ein Mann ward, sah er wieder einen offenen Weg vor sich; aber er war wieder umgekehrt, um anderer Menschen willen und um unklares Fühlen. Und zuletzt war die Frau in sein Leben getreten, die zu ihm gehörte, und er hatte es gar nicht gemerkt.
Es war so, als kämen die zahllosen Stimmen aus dem raunend-platschenden Hinfließen und sagten es ihm alles in Worten. Noch nie war dies in deutlichem Denken in seiner Seele wach geworden. Und er sann und quälte sich und sann, wie es so gekommen war. — Er war immer so vor sich hingegangen im trüben Licht und hatte gewartet und geträumt und wieder gewartet in den weißen Nebel hinein. Der Nebel war es gewesen, der hatte es zugedeckt. Und nun war alles falsch und wirr.
Konnte er es denn ertragen, dies öde Leben, und ohne sie? Er hatte sich wieder an den Boden gelegt. Er deckte den Arm über die Augen. „Ich kann nicht,“ murmelte er.
Ganz, ganz leise fing es an, zwischen den trockenen Blättern zu rascheln und klappern. Dann kam ein leises, gleichförmiges Tröpfeln. Der Nebel war zum Regen geworden. Reicher, satter wurden die Farben in der Feuchtigkeit. Es kam ein farbiges Gleißen über die reglosen Blätter und die ernsten Stämme. Und geheimnisvoll wie das Rinnen des Baches klang das gleichmäßig leise, klappernde Tropfen.
War denn nirgends ein starkes Frisches, nach dem er hinsehen konnte und aufstehen und vorwärtsgehen? Er merkte nichts von der großen Ordnung. Das war ein schöner Traum gewesen, den sich der alte Fischer zurecht gesponnen hatte. Es war alles wirr.
Und das murmelnde Fließen rann und rann wie ein endlos mühseliges Gespinst. — Und das öde Getropfe webte ringsum mit sachtem Rascheln. Aber aus der alten Erde stieg ein feuchter Duft, und es war, als ob ein Trieb der Stärke mit aufquoll aus dem dunklen Grunde. In dem reglos Liegenden wuchs das Wollen aus den Tiefen seines Wesens herauf. — Es ist ein Wundersames um die Kraft, wie sie dem Mutterherzen der alten Erde entströmt. — Lars stand auf, und er sah mit dunklen Augen fest vor sich hin. Noch war er ein freier Mann, und er wollte das Leben fest anpacken. Nur eines konnte er nicht: Karen lassen. Dies starke, treue Herz, das sein innerstes, wirres Wesen verstand, die mußte ihm helfen. Vielleicht, daß noch irgendwo eine Arbeit auf ihn wartete, und wie von ungefähr stieg Christen Matthies’ trauriges Gesicht in seiner Seele auf. „Er sollte lieber den kleinen Leuten helfen, wenn er so klug ist,“ hatte Christen Matthies gesagt.
So ging er durch den leise rinnenden Regen nach Hause.