Lars war zu einem Entschlusse gekommen. Nicht, daß ihm Jakobs Raten viel genützt hätte. — Guter Rat hat wohl noch keinen Mann aus dem Brunnen gezogen. Und gerade einem aus dem eigenwilligen nordischen Volke wäre es ein hartes Ringen gegen seine Art gewesen, auf fremdes Wort zu hören. — Nein, der Rat tut’s selten, aber die Liebe tut es. — Da ist es, als schlösse der andere Mensch ein Fenster in seiner Seele auf. Mancher tut’s schnell, als stieße er mit Kraft die beiden Flügel auf, der andere drückt und stemmt und bringt die rostigen Angeln nur mühsam auseinander. Aber wie es auch ist, und manchmal war es nur ein unbehilflich Wort — aber von da innen aus der verschlossenen Seelentiefe sehen dann so wunderlich strahlende Dinge hervor, die man nicht nennen kann und nicht ausrechnend wägen. Aber für kurze Augenblicke hat sie der in der großen Not gesehen, und ganz leise, wie von fern kommt es ihm wie Lerchenglaube, daß da Licht sein könnte hinter dem Nebel. —

Lars hatte eins verstanden: Da war ein Mensch, der glaubte noch an ihn. Da wußte er, daß er wieder Mut fassen konnte, wenn er sich aufraffte.

Und er schämte sich seiner Tatenlosigkeit. Er ging durch Haus und Gartenland und sah, daß überall Arbeit wartete. Und wie er erst anzupacken begann, begriff er nicht mehr, daß er es hatte so weit kommen lassen. Es war zurückgegangen in Lars’ Wirtschaft. Und nun faßte ihn die Arbeit wie ein Fieber. Peter wurde es fast zu viel, weil Lars Stunde um Stunde draußen bei der Arbeit bleiben wollte. Und wenn er dann vom Fischen kam, machte er sich an die Kartoffeln, und Trina half ihm tüchtig beim Ausmachen. Und er besserte und hämmerte überall. Und dann machte er sich mit dem Dachdecker daran und setzte ein neues Strohdach auf Mutter Stinas Haus. Er wurde mager in diesem Sommer über all dem harten Arbeiten; aber als der Herbst herankam, war fast alles wieder so gut imstande in den beiden Häusern und dem Gartenland wie sonst, und das viele Arbeiten hatte auch Trina gut getan, und sie war so gesund und ruhig, daß Mutter Lassen zu ihrer zweiten Tochter ziehen konnte, wo eben wieder ein Kind geboren war.

In seinem Hause war es nun stiller und klarer geworden. Lars war kaum zum Nachdenken gekommen. Er wußte nicht recht, wie ihm selbst zumute war. Aber unbewußt war es auch klarer und ruhiger in ihm, und da war auch allmählich ein Entschluß gereift. Er wußte wohl, daß er die Unrast erst ganz los wurde, wenn er es sich ganz unmöglich machte, Karen wiederzusehen. Das wollte er ihr nun sagen. — Es mußte ein Abschluß gemacht sein.

Es war ein warmer Sonntagnachmittag für den beginnenden Herbst. Lars ging nach Aalby. Als er in den Lehrergarten trat, sah er gleich, daß Karen hinten unter dem Apfelbaum stand. Die schweren Äste hatten viele Stützen, und doch bogen die rotbackigen Äpfel die Zweige fast bis zum saftiglangen Grase hinunter. Zwei hellhaarige, kleine Lehrerskinder standen neben Karen und hielten den großen Korb. Den kleinen Zweijährigen hob sie nach den bunten Äpfeln hinauf, und er patschte mit den dicken Armen in die vollen Äste hinein und riß von den lustigen Früchten herunter. Karen nahm sie ihm ab und warf sie in den Korb. Zwischen den Blättern aber lachten die hellen Sonnenlichter hindurch und schillerten auf all den hellhaarigen Köpfen und lagen wie goldene Flecke im schattig bläulichen Grase. Es war wie ein Zittern in der Luft von hellen, lachenden Kinderstimmen und warmen Sonnenlichtern.

Als Karen die Schritte hörte und sich umsah, ging es wie ein ernster Schatten über die frohen Augen. — „Gleich,“ sagte sie, „wenn ich hier fertig bin, will ich mit Ihnen sprechen.“ Dann setzte sie das Kind zur Erde und zog ihm die kleine Schürze zurecht. Es wollte weinen, aber sie gab ihm einen bunten Apfel zum Spielen und faßte dann selbst in die roten Früchte hinein. Der Korb war bald gefüllt, und sie schickte die Kinder damit ins Haus. Dann setzte sie sich zu Lars auf die Bank unter dem Apfelbaum und hob den Zweijährigen auf ihren Schoß. Lars aber sah immer unverwandt mit dem ernsten Gesicht vor sich hin, so als merke er gar nichts von der lachenden, reifenden Fülle ringsum, sondern sähn nur tief in sich hinein auf einen steten, festen Punkt.

„Nun?“ fragte Karen endlich und sah auf das Kind hinunter.

„Ich habe mir das überlegt,“ sagte Lars, und er sprach es eintönig, wie eingelernt, vor sich hin. „Es ist besser, ich komme nicht mehr hierher. Ich wollte aber gern, daß Sie das wüßten. Und ich wollte Ihnen auch gern Lebewohl sagen — für immer“ — setzte er leiser hinzu.

Sie hob den Kopf und sah ihn fest an. — „Das habe ich schon immer gedacht. Ich gehe auch zum ersten Januar nach Hamburg in eine andere Stellung. Sie brauchten aber gar nicht erst zu kommen, ich hätte das schon so gewußt, warum.“

„Vielleicht wollten Sie auch nichts mehr von mir wissen — jetzt!“ Es lag finster über seinem Gesicht und wie eine Bitte.