Das erlernt sich von selbst, Du Schöne. Die Augen brauchen darin nicht unterrichtet zu werden. Das weiß der am besten, der von ihnen ins Herz getroffen wurde.
Chitra
Auf der Suche nach Wild wanderte ich eines Tages einsam durch den Wald am Ufer des Purna-Flusses. Mein Roß band ich an einen Stamm und drang in's dichte Gestrüpp, der Spur eines Wildes folgend. Ich fand einen schmalen, gewundenen Pfad, der sich durch das Dämmer verschlungener Zweige schlang. Die Blätter erzitterten vom Grillengezirp. Plötzlich erspähte ich auf meinem Weg einen Mann, der auf einem Lager trockenen Laubes ruhte. Hochmütig befahl ich ihm, mir Platz zu machen, aber es kümmerte ihn nicht. Da stach ich ihn verächtlich mit der scharfen Spitze meines Pfeils. Er sprang auf, stark und ebenmäßig an Wuchs, gleich einer Flamme, die plötzlich aus einem Aschenhaufen züngelt. Ein belustigtes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, vielleicht ob meines knabenhaften Anblicks. Da — zum erstenmal in meinem Leben fühlte ich mich Weib und wußte, daß ein Mann vor mir stand.
Madana
In glückbegünstigter Stunde verkünde ich Mann und Weib die erhabene Lehre: Erkennet einander. — Was geschah dann?
Chitra
Voll Angst und Staunen fragte ich ihn: »Wer bist Du?« »Ich bin Arjuna«, sagte er, »aus dem großen Stamme der Kuru«. Ich stand wie versteinert und vergaß mich zu verneigen. War das wirklich Arjuna, der Abgott meiner Träume, der Einzige, Große! Schon lange kannte ich sein Gelöbnis, zwölf Jahre in Keuschheit zu leben. Mein junger Ehrgeiz hatte mich manchen Tag angestachelt, mit ihm eine Lanze zu brechen, ihn verkappt zum Zweikampf zu fordern und ihm meine Waffenkunst zu beweisen. Ach töricht Herz, wohin entfloh Dein Stolz? Könnt' ich meine Jugend mit ihren Sehnsüchten hingeben, um Staub zu sein unter Deinen Füßen, wahrlich eine köstliche Gnade dünkte mir das. Ich weiß nicht, in welchem Strudel der Empfindung ich mich verlor, als ich ihn plötzlich zwischen den Bäumen entschwinden sah! — Du töricht Weib, du grüßtest ihn nicht und sprachest kein Wort, noch batest du ihn um Verzeihung, sondern standest wie ein ungeschickter Tölpel, während er verächtlich hinwegschritt!... Am nächsten Morgen legte ich meine Männerkleidung ab und schmückte mich mit Armbändern, Fußringen, einer Gürtelkette und einem Gewand aus purpurner Seide. Das ungewohnte Kleid schmiegte sich fest um meinen bebenden Leib; aber ich beschleunigte mein Suchen und fand Arjuna in Shiva's Waldtempel.
Madana
Vollende Deine Erzählung. Ich bin der herzgeborene Gott, und ich verstehe das Geheimnis dieser Triebe.