»›In allen Tempeln soll dein Bildnis thronen‹[29]. Aber unser Volk hat die Wahrheit noch nicht erkannt. Daher möchte ich es in Ihrem Namen aufrufen und in unsern Tempeln ein Bild der Göttin aufstellen, dem niemand Glauben versagen kann. O meine Göttin, verleih mir die Macht dazu!«

Bimala hatte die Augen geschlossen und saß da wie ein Steinbild. Hätte ich weitergesprochen, so wäre sie in Verzückung erstarrt. Als ich schwieg, schlug sie die Augen groß auf und murmelte wie betäubt mit starrem Blick: »O Wanderer auf dem Pfade des Verderbens! Wer kann deine Schritte aufhalten? Sehe ich doch, daß niemand deinen Begierden Einhalt tut. Könige werden ihre Krone dir zu Füßen legen, die Reichen werden sich beeilen, dir ihren Schatz zu öffnen; die nichts weiter haben, werden bitten, ihr Leben für dich hingeben zu dürfen. O mein König, mein Gott! Was du in mir siehst, weiß ich nicht, aber ich habe die Unermeßlichkeit deiner Größe in meinem Herzen erkannt. Wer bin ich, was bin ich, vor dir? Ach, wie furchtbar ist deine vernichtende Gewalt! Ich werde nicht wahrhaft leben, bis sie mich ganz zerstört. Ich kann es nicht länger ertragen, mir bricht das Herz.«

Bimala glitt von ihrem Stuhl und umklammerte meine Füße, und dann brach sie in ein unaufhaltsames Schluchzen aus.

Dies ist nun wirklich Hypnotismus, — der Zauber, mit dem man sich die Welt unterwirft! Man bedarf dazu keiner Waffen, sondern nur einer unwiderstehlichen Suggestionskraft. Wer sagt noch: »Die Wahrheit wird triumphieren?«[30] Nein, es ist die Täuschung, die den endgültigen Sieg davonträgt. Der Bengale hatte dies erkannt, als er das Bild der zehnhändigen auf einem Löwen reitenden Göttin erfand und ihren Dienst in seinem Lande verbreitete. Jetzt muß Bengalen ein neues Götzenbild erfinden, um die Welt zu berücken und zu erobern. Bande Mataram!

Ich hob Bimala sanft auf und ließ sie auf ihren Stuhl nieder, und aus Furcht, daß eine Reaktion eintreten könnte, begann ich von neuem, ohne Zeit zu verlieren: »Königin! Die göttliche Mutter hat mir die Pflicht auferlegt, ihr in diesem Lande einen Tempel zu bauen. Aber ach, ich bin arm!«

Bimala war noch in höchster Erregung. Ihre Augen glühten dunkel, ihre Stimme war heiser, als sie erwiderte: »Sie arm? Gehört nicht alles, was jeder von uns besitzt, Ihnen? Wozu habe ich meine Kästen mit Juwelen? Nehmen Sie all mein Gold und meine Edelsteine für Ihren Gottesdienst! Ich brauche sie nicht!«

Bimala hatte mir schon einmal ihren Schmuck angeboten. Ich pflegte sonst keine Grenzen zu setzen, aber ich fühlte, daß ich es hier mußte[31]. Ich weiß, warum ich hier zaudere. Dem Mann geziemt es, der Frau Schmuck zu schenken; es verletzt seine Männlichkeit, wenn er ihn von ihr annimmt.

Aber ich darf nicht an mich denken. Nehme ich ihn denn an? Er soll als Opfer der göttlichen Mutter zu Füßen gelegt werden. O, es soll eine großartige Opferfeier werden, wie das Land sie noch nie vorher gesehen hat. Sie soll ein Markstein in unsrer Geschichte werden. Sie soll mein höchstes Vermächtnis an die Nation sein. Unwissende Menschen beten Götter an. Ich, Sandip, werde sie erschaffen.

Aber alles dies liegt noch in weiter Ferne. Wie werden wir der Not des Augenblicks gerecht? Wenigstens dreitausend Rupien sind unbedingt nötig, fünftausend würden gerade gut hinreichen. Aber wie in aller Welt könnte ich jetzt von Geld sprechen, nachdem unsre Gedanken diesen hohen Flug genommen haben? Und doch ist die Zeit kostbar!

Ich zwang alles Bedenken mit Gewalt nieder, als ich aufspringend rief: »Königin! Unsre Mittel sind erschöpft, unser Werk wird daran scheitern!«