Bimala zuckte zusammen. Ich sah, sie dachte an die unmöglichen 50000 Rupien. Welche Last mußte sie die ganze Zeit auf dem Herzen gehabt haben! Vielleicht hatte sie in schlaflosen Nächten darunter gestöhnt. Was hatte sie sonst als Opfer ihrer Liebe darzubringen? Da sie mir nicht ihr Herz selbst zu Füßen legen konnte, sehnte sie sich danach, diese Summe, die für sie so hoffnungslos groß war, zum Träger ihrer gefangenen Gefühle zu machen. Der Gedanke an das, was sie gelitten haben mußte, berührte mein Gewissen quälend; denn sie war jetzt ganz mein. Die Pflanze war mit den Wurzeln aus dem Boden gerissen und damit das Schlimmste getan. Jetzt bedurfte es nur noch der sorgfältigen Pflege und Nahrung.
»Königin!« sagte ich, »jetzt im Augenblick haben wir die 50000 Rupien noch nicht gerade nötig. Ich denke, daß wir einstweilen mit 5000 oder sogar mit 3000 auskommen.«
Sie war wie von einem Alp befreit. »Ich werde Ihnen 5000 holen«, sagte sie in einem Ton, als wollte sie in ein Jubellied ausbrechen, — in das Lied, das Radhika in den Wischnu-Liedern sang:
Die Blume aller Blumen will ich suchen,
Daß sie als Schmuck die dunklen Flechten ziere,
Wenn der Geliebte naht.
— es ist dieselbe Weise, dasselbe Lied: fünftausend will ich bringen! Mit dieser Blume will ich mein Haar schmücken!
Die Zurückhaltung der Flöte ist es, die diesem Liede seinen Wohllaut gibt. Ich darf nicht meine Begierde zu heftig in ihr Rohr blasen lassen, sonst würde, fürchte ich, statt der Musik die Frage ertönen: »Warum?« »Wozu so viel?« »Woher soll ich das schaffen?« — ganz andere Töne, als das Lied, das Radhika sang! So habe ich recht, wenn ich sage, die Illusion allein ist wirklich, — sie ist die Flöte selbst, während die Wahrheit nichts als ihre leere Höhlung ist. Nikhil hat in dieser letzten Zeit diese bloße Leere spüren müssen, — man sieht es an dem Ausdruck seines Gesichts, der selbst mich schmerzlich berührt. Aber Nikhil pflegte sich zu rühmen, daß es ihm um die Wahrheit zu tun sei, während ich mich rühmte, daß ich mir die Illusion nicht rauben lassen wollte. Nun hat jeder, was er wollte; was gibt es da zu klagen?
Um Bimalas Herz nicht aus der dünnen Luft des Idealismus zu reißen, brach ich jede weitere Erörterung über die 5000 Rupien ab. Ich kam wieder auf die Dämonen vernichtende Göttin und ihren Gottesdienst zu sprechen. Wann sollte die Feierlichkeit stattfinden, und wo? In Ruimari, einem Ort, der zu Nikhils Gebiet gehört, findet einmal im Jahre eine grosse Messe statt, wo Hunderttausende von Pilgern sich versammeln. Das würde eine großartige Gelegenheit sein für die feierliche Eröffnung des Kultes unsrer Göttin.
Bimala glühte vor Begeisterung. Hier handelte es sich nicht um das Verbrennen von ausländischen Stoffen oder gar um das Niederbrennen von Scheunen, selbst Nikhil könnte also nichts dagegen haben, — so meinte sie. Aber ich lächelte innerlich. Wie wenig doch diese beiden Menschen, die ganze neun Jahre lang Tag und Nacht zusammen gelebt haben, von einander wissen! Sie wissen vielleicht etwas von ihrem häuslichen Leben, aber wenn es sich um Außendinge handelt, so sind sie ganz ratlos. Sie haben in dem schönen Wahn gelebt, daß das Heim und die Außenwelt in vollkommener Harmonie ständen. Heute müssen sie zu ihrem Leidwesen einsehen, daß es zu spät ist, die jahrelange Versäumnis nachzuholen und beide miteinander in Harmonie zu bringen.
Doch was macht das? Mögen die, die den Fehler gemacht haben, beim Zusammenstoß mit der Welt ihren Irrtum erkennen! Was kümmert mich ihre Not? Für den Augenblick wird es mir lästig, Bimala noch länger wie einen Fesselballon in höhern Regionen schweben zu lassen. Es ist besser, ich bringe die Geldsache erst in Ordnung.
Als Bimala aufstand, um fortzugehen, und schon nahe der Tür war, sagte ich so ganz nebenbei: »Und was das Geld anbetrifft...«