Wer hätte gedacht, daß sich so viel in diesem einen Leben ereignen könnte? Es ist mir, als hätte ich eine ganze Reihe von Existenzen durchlebt; die Zeit ist so schnell verflogen, ohne daß ich es merkte, bis ich neulich plötzlich wie aus einem Traum erwachte.

Ich wußte, es würde eine Auseinandersetzung zwischen uns geben, als ich mich entschloß, meinen Gatten zu bitten, die ausländischen Waren von unserm Markt zu verbannen. Aber ich glaubte fest, ich würde es nicht nötig haben, ihn mit Gründen zu überzeugen, der Zauber, der von mir ausströmte, würde schon seine Wirkung tun. War nicht ein so gewaltiger Mann wie Sandip mir hilflos zu Füßen gesunken, wie die mächtige Meereswoge, die sich am Ufer bricht? Hatte ich ihn gerufen? Nein, meine Zauberkraft hatte ihn angezogen. Und Amulja, der arme liebe Junge, als er mich zuerst sah, wie war da der Strom seines Lebens in roter Glut aufgeflammt, wie der Fluß beim Sonnenaufgang! Wahrlich, ich habe empfunden, wie einer Göttin zumute sein muß, wenn sie auf das strahlende Antlitz ihres Priesters herabschaut.

In der stolzen Zuversicht, den diese Beweise meiner Macht mir gegeben, schickte ich mich an, meinem Gatten entgegenzutreten wie eine gewitterschwangere Wolke. Aber was geschah? Nie in all diesen neun Jahren sah ich einen so kühlen, fremden Blick in seinen Augen, — wie der Wüstenhimmel, der trocken und teilnahmlos auf alles niederblickt. Es wäre mir eine solche Erleichterung gewesen, wenn er in Zorn aufgeflammt wäre! Aber ich sah keine Möglichkeit, ihm nahezukommen. Ich fühlte mich wie in einem Traume, in einem Traume, auf den nur das Dunkel der Nacht folgen würde.

Früher beneidete ich meine Schwägerin immer wegen ihrer Schönheit. Damals hatte ich das Gefühl, daß die Vorsehung mir keine eigene Macht gegeben hätte, daß meine ganze Stärke in der Liebe läge, mit der mein Gatte mich beschenkte. Jetzt, da ich den Becher der Macht zur Neige geleert hatte und ihren Rausch nicht mehr entbehren konnte, fand ich ihn plötzlich in Stücke zerbrochen zu meinen Füßen, und nichts schien mir mehr des Lebens wert.

Wie fieberhaft hatte ich mich an jenem Tage mit meinem Haar gemüht! O Schmach und Schande über mich! Meine Schwägerin hatte, als sie vorbeikam, ausgerufen: »Ei, Tschota Rani, dein Haar scheint ja in die Luft fliegen zu wollen. Paß nur auf, daß es nicht den Kopf mit wegnimmt!«

Und dann neulich im Garten, wie leicht wurde es meinem Gatten, mir zu sagen, daß er mich freigäbe! Aber läßt Freiheit — leere Freiheit — sich so leicht geben und nehmen? Es ist, als ob man einen Fisch in der Luft in Freiheit setzte, — denn wie kann ich außerhalb der Atmosphäre liebender Sorge, die mich immer umgab, leben und atmen?

Als ich heute in mein Zimmer trat, sah ich nur Möbel — nur die Bettstelle, nur den Spiegel, nur den Kleiderriegel —, nicht die Seele, die das Ganze sonst durchdrang und beherrschte. Statt dessen war da Freiheit, nur Freiheit, bloße Leere. Ein trockenes Flußbett, in dem alle Felsen und Kiesel bloß lagen. Kein Gefühl, nur Möbel!

Als ich in einen Zustand äußerster Verstörtheit geraten war und mich fragte, ob mir überhaupt noch irgend etwas Wahres in meinem Leben geblieben sei und wo es sein könne, begegnete ich zufällig wieder Sandip. Da stieß Leben auf Leben, und die Funken sprühten, wie sie es sonst getan. Hier war Wahrheit — ungestüme Wahrheit, die schäumend in das leere Flußbett stürzte und alle Grenzen überflutete, — Wahrheit, die tausendmal wahrer war als die Bara Rani mit ihrem Mädchen Thako und ihren törichten Liedern und als alle die andern, die schwatzend und lachend umherliefen...

»Fünfzigtausend!« hatte Sandip gefordert.

»Was sind fünfzigtausend?« rief mein Herz berauscht. »Sie sollen sie haben.«