BIMALAS ERZÄHLUNG

XV

Eine Zeitlang grübelte ich vergeblich hin und her, wie ich das Geld bekommen sollte, bis neulich plötzlich vor meiner aufs höchste erregten Phantasie der Weg als deutliches Bild dastand.

Jedes Jahr, um die Zeit des Festes der Göttin Kali, macht mein Gatte meiner Schwägerin ein Ehrengeschenk von 6000 Rupien, und immer wird es auf ihr Konto bei der Bank in Kalkutta niedergelegt. In diesem Jahr erhielt sie diese Ehrengabe wie gewöhnlich, aber das Geld ist noch nicht auf die Bank gebracht und wird solange in einem eisernen Geldschrank aufbewahrt, in einer Ecke des kleinen Ankleidezimmers neben unserm Schlafzimmer.

Jedes Jahr bringt mein Gatte das Geld selbst auf die Bank. Diesmal hat er noch keine Gelegenheit gehabt, in die Stadt zu fahren. Mußte ich nicht darin die Hand der Vorsehung erkennen? Das Geld ist hier zurückgehalten, weil das Vaterland es braucht, — wer hätte da die Macht, es ihm zu nehmen und es auf die Bank zu bringen? Und wie könnte ich mich weigern, es fortzunehmen? Die Göttin der Zerstörung hält mir ihren Blutbecher hin und ruft: »Gib mir zu trinken, ich bin durstig.« Ich will ihr mein eignes Herzblut geben mit jenen 5000 Rupien. Große Mutter! Der, der das Geld verliert, wird den Verlust kaum fühlen, aber mich wirst du ganz zugrunde richten!

Wie manchesmal habe ich früher meine Schwägerin innerlich eine Diebin genannt, weil sie meinem arglosen Gatten Geld abschmeichelte. Nach dem Tode ihres Gatten brachte sie oft Sachen, die uns gehörten, für sich auf die Seite. Ich pflegte meinen Gatten darauf aufmerksam zu machen, aber er sagte nichts. Oft wurde ich böse und sagte: »Wenn du Lust hast zu schenken, so schenke meinetwegen, soviel du willst, aber warum läßt du dich bestehlen?« Die Vorsehung muß damals über meine Klagen gelächelt haben, denn heute bin ich es, die das, was meiner Schwägerin gehört, aus meines Gatten Geldschrank stiehlt.

Mein Gatte hat die Gewohnheit, die Schlüssel in seiner Tasche zu lassen, wenn er sich vor dem Schlafengehen im Ankleidezimmer auszieht und sein Zeug dort läßt. Ich suchte mir den Schlüssel zum Geldschrank heraus und öffnete ihn. Es war mir, als ob das leise Geräusch die ganze Welt aufwecken müßte! Meine Hände und Füße wurden plötzlich eiskalt, und ich zitterte am ganzen Leibe.

In dem Geldschrank ist eine Schieblade. Als ich sie öffnete, fand ich das Geld, nicht in Banknoten, sondern in eingewickelten Goldrollen. Ich hatte keine Zeit, mir das, was ich brauchte, abzuzählen. Es waren zwanzig Rollen. Ich nahm sie alle und knotete sie in eine Ecke meines Sari.

Welch ein Gewicht war das! Es war, als ob die Last des Diebstahls mich zu Boden zöge und mein Herz in den Staub drückte. Vielleicht hätten Banknoten es mir weniger als Diebstahl erscheinen lassen, aber dies war alles Gold.

Nachdem ich mich wie ein Dieb zurückgeschlichen hatte, erschien mir mein Zimmer nicht mehr wie mein eignes. All die kostbaren Rechte, die ich daran hatte, verschwanden vor meinem Diebstahl. Ich begann leise für mich hin zu murmeln, als ob ich Zaubersprüche murmelte: »Bande Mataram, Bande Mataram, mein Land, mein goldnes Land, all dies Gold ist für dich, für niemanden sonst!«