Aber in der Nacht ist der Geist schwach. Ich ging mit geschlossenen Augen durch das Schlafzimmer zurück, in dem mein Gatte schlief, und trat hinaus auf die offene Terrasse davor; dort warf ich mich ausgestreckt auf den Boden, den Zipfel meines Sari mit dem Golde gegen die Brust gepreßt. Ich fühlte jede einzelne Goldrolle und es war, als ob jede meinem Herzen einen schmerzhaften Stoß gab.

Die Nacht stand schweigend da mit erhobenem Zeigefinger. Ich konnte mein Haus nicht als etwas von meinem Vaterlande Getrenntes empfinden: ich hatte mein Haus beraubt, also hatte ich auch mein Vaterland beraubt. Durch diese Sünde hatte mein Haus aufgehört mein zu sein, auch mein Land war mir dadurch entfremdet. Wäre ich gestorben, indem ich für mein Land betteln ging, selbst ohne Erfolg, so wäre das ein den Göttern willkommenes Opfer gewesen. Aber Diebstahl ist niemals Gottesdienst, — wie kann ich denn dies Gold opfern? Ach, wehe mir! Ich bin selbst dem Verderben geweiht, muß ich nun auch mein Vaterland durch meine sündige Berührung beflecken?

Der Weg, das Geld zurückzubringen, ist mir abgeschnitten. Ich habe nicht die Kraft, in das Zimmer zurückzugehen, noch einmal den Schlüssel zu nehmen, noch einmal den Geldschrank zu öffnen, — ich würde auf der Schwelle vor meines Gatten Tür ohnmächtig zusammenbrechen. Der einzige Weg, der mir bleibt, ist der Weg geradeaus weiter. Doch ich habe auch nicht die Kraft, mich bedachtsam hinzusetzen und die Geldstücke zu zählen. Mögen sie in ihrer Hülle bleiben, ich kann jetzt nicht rechnen.

Der Winterhimmel war ganz klar. Die Sterne leuchteten hell. Wenn ich, so dachte ich bei mir, als ich da draußen lag, alle diese Sterne, einen nach dem andern, wie goldene Münzen für mein Vaterland stehlen müßte, — diese Sterne, die die Dunkelheit so sorgfältig in ihrem Busen aufbewahrt, — dann würde der Himmel auf ewig seines Augenlichtes beraubt und die Nacht auf ewig verwaist sein, und mein Diebstahl würde die ganze Welt berauben. Aber war nicht auch eben das, was ich getan hatte, ein Raub an der ganzen Welt, — nicht nur ein Raub von Geld, sondern auch von Vertrauen und Redlichkeit?

Ich brachte die Nacht auf der Terrasse liegend zu. Als endlich der Morgen kam und ich sicher war, daß mein Gatte aufgestanden und nicht mehr in seinem Zimmer war, da endlich wagte ich, den Schal über den Kopf gezogen, wieder in mein Schlafzimmer zurückzugehen.

Meine Schwägerin war dabei, ihre Pflanzen zu begießen. Als sie mich von ihrer Veranda aus vorübergehen sah, rief sie: »Hast du die Neuigkeit gehört, Tschota Rani?«

Ich hielt an, vor Schrecken gelähmt. Es war mir, als ob die Goldrollen unter dem Schal hoch anschwöllen. Ich fürchtete, sie würden zerplatzen und als klirrender Regen auf den Boden niederprasseln und so vor allen Dienstboten die Diebin entlarven, die sich um alles brachte, indem sie ihren eignen Reichtum stahl.

»Deine Räuberbande,« fuhr sie fort, »hat ein anonymes Schreiben geschickt, in dem sie droht, das Schatzamt zu plündern.«

Ich blieb still wie ein Dieb.