Auch Amulja sah mich erwartungsvoll an. Der liebe Junge! Wenn er auch nicht mein leiblicher Bruder ist, so liebe ich ihn doch wie einen jüngern Bruder. Mit seinem ehrlichen Gesicht, seinem hellen Blick, mit seiner ganzen unschuldigen Jugend sah er mich an. Und ich, eine Frau — vom Geschlecht seiner Mutter — wie konnte ich ihm Gift reichen, nur weil er danach verlangte?
»Das Geld, Königin!« Sandips freche Forderung klang mir in den Ohren. In meinem Gefühl von Scham und Zorn hätte ich ihm das Geld an den Kopf werfen mögen. Ich konnte kaum den Knoten meines Sari auflösen, so zitterten meine Finger. Endlich fielen die Geldrollen auf den Tisch.
Sandips Gesicht wurde finster... Er mußte glauben, es seien Silberrollen... Welche Verachtung war in seinem Blick! Welcher Ekel vor meiner Unfähigkeit! Es war fast, als hätte er mich schlagen mögen! Er muß geglaubt haben, ich sei gekommen, um mit ihm zu unterhandeln, ihm als Abschlagssumme für seine Forderung von 5000 Rupien ein paar hundert zu bieten. Einen Augenblick glaubte ich, er würde die Geldrollen ergreifen und aus dem Fenster werfen und mir erklären, er sei kein Bettler, sondern ein König, der seinen Tribut fordert.
»Ist das alles?« fragte Amulja mit einer Stimme, so voll überquellenden Mitleids, daß ich hätte laut aufschluchzen mögen. Ich preßte mein Herz gewaltsam zusammen und nickte nur stumm mit dem Kopf.
Sandip war sprachlos. Er rührte weder die Rollen an, noch äußerte er einen Laut.
Meine Demütigung schnitt dem Knaben ins Herz. Mit erheuchelter Begeisterung rief er plötzlich aus: »Das ist eine ganze Menge. Damit haben wir reichlich genug. Sie haben uns gerettet.« Und dabei riß er eine der Rollen auf.
Die Goldstücke blitzten hervor. Und im selben Augenblick schwand auch die dunkle Hülle von Sandips Gesicht. Er strahlte vor Entzücken. Unfähig, den plötzlichen Umschlag seines Gefühls zu verbergen, sprang er auf und eilte auf mich zu. Was er wollte, weiß ich nicht. Ich warf einen hastigen Blick auf Amulja — die Farbe war aus seinem Antlitz gewichen, als hätte er einen Peitschenhieb bekommen. Dann stieß ich mit aller Kraft Sandip zurück. Als er rückwärts taumelte, stieß er mit dem Kopf gegen die Ecke des Marmortisches und fiel zu Boden. Dort lag er eine Weile regungslos. Von der Anstrengung erschöpft, sank ich auf meinen Stuhl zurück.
Amuljas Gesicht leuchtete freudig auf. Er wandte sich nicht einmal nach Sandip um, sondern kam geradeswegs zu mir, berührte ehrfurchtsvoll meine Füße und blieb dann vor mir auf dem Boden sitzen. Ach, mein kleiner Bruder, mein Kind! Diese deine Ehrfurchtsbezeugung ist die letzte Berührung des Himmels, die mir in meiner leer gewordenen Welt noch zuteil wird! Ich konnte mich nicht länger halten, und meine Tränen flossen heftig. Ich bedeckte die Augen mit dem Ende meines Sari, den ich mit beiden Händen gegen das Gesicht preßte, und schluchzte und schluchzte. Und immer, wenn meine Füße seine zarte Berührung spürten, wodurch er mich zu trösten suchte, brachen meine Tränen von neuem hervor.
Als ich mich nach einer Weile gefaßt hatte und aufblickte, sah ich Sandip wieder am Tisch stehen und die Goldstücke in sein Taschentuch knoten, als ob nichts geschehen wäre. Amulja erhob sich von seinem Platz zu meinen Füßen; seine nassen Augen leuchteten.