Es müssen zwei verschiedene Wesen im Menschen sein. Das eine in mir sieht ein, daß Sandip versucht, mich zu täuschen; das andre will sich gern täuschen lassen. Sandip hat Kraft, aber keine sittliche Stärke. Dieselbe Gewalt, mit der er das Leben aufrüttelt, zerschmettert es auch wieder. Seine Pfeile verfehlen nie ihr Ziel, wie die der Götter, aber sie sind giftig wie die der bösen Geister.
Sandips Taschentuch war nicht groß genug, um all die Goldstücke zu fassen. »Königin,« fragte er, »können Sie mir noch ein anderes geben?«
Als ich ihm meines gab, führte er es ehrfurchtsvoll an seine Stirn, und dann kniete er plötzlich vor mir nieder. »Göttin!« rief er, »ich wollte Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen, als ich mich Ihnen nahte, aber Sie stießen mich zurück und warfen mich in den Staub. Sei es denn, ich nehme Ihre Zurückweisung als ein Diadem, womit ich meine Stirn schmücke.« Und damit wies er auf die Stelle, wo er sich im Fallen verletzt hatte.
Hatte ich ihn denn falsch verstanden? War es möglich, daß seine ausgestreckten Hände wirklich meine Füße berühren wollten? Aber es war sicher, daß selbst Amulja auch die Leidenschaft gesehen hatte, die aus seinen Augen, aus seinem Antlitz glühte. Doch Sandip ist solch ein Meister in der Kunst, seinen Lobgesang in Musik zu setzen, daß meine Vernunft schweigt; ich verliere die Kraft, die Wahrheit zu sehen; mein Blick ist umnebelt wie der des Opiumessers. Und so gab er mir schließlich den Schlag, den ich ihm erteilt hatte, viel empfindlicher zurück, denn die Wunde an seiner Stirn machte mein Herz bluten. Als Sandip sich wieder erhob, war es mir als hätte mein Diebstahl eine Würde bekommen und als lächelte das Gold, das auf dem Tisch glänzte, alle Furcht vor Schande, alle Gewissensbisse hinweg.
Wie ich war auch Amulja wiedergewonnen. Seine Liebe zu Sandip, die einen Augenblick einen Stoß erlitten hatte, flammte von neuem auf. Und der Altar seiner Seele füllte sich aufs neue mit Opfergaben für Sandip und mich. Sein kindlicher Glaube leuchtete wie das reine Licht des Morgensterns aus seinen Augen.
Und nun lohte auch die Flamme meiner Sünde wieder hell auf. Als Amulja mir ins Antlitz sah, erhob er die gefalteten Hände zum Gruß und rief: »Bande Mataram!« Ich kann nicht erwarten, daß mich immer solche Verehrung umgibt, und doch ist sie das einzige Mittel, meine Selbstachtung am Leben zu erhalten.
Ich kann mein Schlafzimmer nicht mehr betreten. Es ist mir, als ob die Bettstelle abwehrend eine Hand gegen mich ausstreckte, als ob der eiserne Geldschrank mich stirnrunzelnd anblickte. Ich möchte diesem beständigen Vorwurf, der mich quält, entrinnen. Ich möchte immer wieder zu Sandip laufen, um ihn mein Lob singen zu hören. Es ist ja nur dieser eine kleine Altar da, der aus den alles überspülenden Fluten meiner Schande hervorragt, daher möchte ich mich Tag und Nacht an ihn klammern; denn, wohin ich sonst treten will, ist ringsum Leere.
Lob, Lob, ich brauche unaufhörliches Lob. Ich kann nicht leben, wenn mein Becher einen einzigen Augenblick leer bleibt. Daher brauche ich heute von allem auf der Welt Sandip, als den einzigen Wert meines Lebens.
XVII
Es ist mir jetzt unmöglich, mich zu meinem Gatten zu setzen, wenn er zu seinen Mahlzeiten hereinkommt. Und doch empfinde ich es als eine solche Schande, ihn allein zu lassen, daß ich das auch nicht fertig bringe. Daher setze ich mich so hin, daß wir einander nicht ins Gesicht sehen können. So saß ich neulich, als die Bara Rani hereinkam und sich zu uns setzte.