Ich zog den Schmuckkasten aus den Falten meines Schals hervor und stellte ihn vor ihn hin. »Verkaufe oder verpfände dies,« sagte ich, »und verschaffe mir 6000 Rupien, so schnell du nur kannst!«
»Nein, nein, Schwester Rani«, sagte Amulja, aufs tiefste betroffen. »Behalten Sie diese Juwelen! Ich werde Ihnen auch so 6000 verschaffen.«
»O, sei nicht töricht«, rief ich ungeduldig. »Es ist keine Zeit für irgendwelche Phantastereien. Nimm diesen Kasten, fahre mit dem Nachtzuge nach Kalkutta und bringe mir das Geld bestimmt bis übermorgen!«
Amulja nahm ein Diamanthalsband aus dem Kasten, hielt es hoch gegen das Licht und legte es finster brütend wieder zurück.
»Ich weiß,« sagte ich zu ihm, »daß du niemals den richtigen Preis für diese Diamanten bekommen wirst, daher gebe ich dir Schmucksachen im Werte von ungefähr 30000. Es macht nichts, wenn sie alle draufgehen, aber ich muß unbedingt die sechstausend haben.«
»Wissen Sie, Schwester Rani,« sagte Amulja, »daß ich mit Sandip Babu einen Streit hatte wegen der 6000 Rupien, die er von Ihnen angenommen hat? Ich kann Ihnen nicht sagen, wie beschämend mir die Sache war. Aber Sandip Babu behauptete, wir müßten selbst unser Schamgefühl dem Vaterlande opfern. Das mag wohl sein. Aber hiermit ist es doch anders. Ich fürchte mich nicht, für das Vaterland zu sterben, für das Vaterland zu töten, — soviel Schakti-Kraft ist mir verliehen. Aber ich kann die Scham nicht überwinden, daß ich von Ihnen Geld genommen habe. Darin ist Sandip mir voraus. Er hat keine Reue und Gewissensbisse. Er sagt, wir müssen uns von der Idee freimachen, daß das Geld demjenigen gehöre, in dessen Kasten es zufällig ist, — wenn wir das nicht können, wo bleibt da die Zauberkraft des Bande Mataram?«
Amulja geriet, während er so sprach, immer mehr in Begeisterung. Er wird immer warm, wenn ich ihm zuhöre. »Die Gita lehrt uns,« fuhr er fort, »daß niemand die Seele töten kann. Töten ist ein bloßes Wort. So ist es auch mit dem Rauben von Geld. Wem gehört das Geld? Niemand hat es erschaffen. Niemand kann es mit sich fortnehmen, wenn er aus diesem Leben scheidet, denn es ist kein Teil seiner Seele. Heute gehört es mir, morgen meinem Sohn, am nächsten Tage seinem Gläubiger. Da nun tatsächlich das Geld niemandem gehört, warum sollte unsre Patrioten ein Tadel treffen, wenn sie, anstatt es einem unwürdigen Sohne des Vaterlandes zu lassen, selbst davon Gebrauch machen?«
Wenn ich Sandips Worte aus dem Munde dieses Knaben höre, zittere ich am ganzen Leibe. Mögen Schlangenbändiger mit Schlangen spielen; wenn ihnen ein Leid geschieht, so müssen sie darauf gefaßt sein. Aber diese Knaben sind so unschuldig. Die ganze Welt sollte segnend ihre Arme über sie breiten, um sie zu schützen. Sie spielen mit einer Schlange, deren Natur sie nicht kennen, und wenn wir sehen, wie sie lächelnd und vertrauensvoll ihre Hände ihren Giftzähnen nähern, so wird es uns klar, wie furchtbar gefährlich die Schlange ist. Sandip hat ganz recht, wenn er argwöhnt, daß ich, wenn ich selbst auch von seiner Hand den Tod nehmen würde, ihm doch diesen Knaben entreißen und ihn retten werde.