»Ja,« fuhr er fort. »Der Tag der Mutter ist vorbei. O Geliebte, meine Geliebte, was gilt mir neben dir Wahrheit und Recht und selbst der Himmel! Alle Pflichten sind zu Schatten geworden, alle Regeln und Gesetze haben ihre Riegel gesprengt. O Geliebte, meine Geliebte, ich könnte die ganze Welt in Flammen setzen bis auf das Stück Land, worauf du deine kleinen Füße setztest, und dann in rasender Lust über die Asche hintanzen... Ach, diese Menschen mit ihrer Sanftmut und Güte! Sie möchten allen Gutes tun, — als ob dies alles Wirklichkeit wäre! Nein, nein! Es gibt keine Wirklichkeit in der Welt als diese meine Liebe. Ich neige mich vor dir. Meine Hingebung an dich hat mich grausam gemacht, meine glühende Verehrung für dich hat die Flamme der Zerstörung in mir entzündet. Ich bin nicht gerecht. Ich habe keinen Glauben, ich glaube nur an sie, die sich mir allein in der Welt offenbart hat.«

Wunderbar! Noch vor einem Augenblick hatte ich diesen Menschen aus tiefstem Herzen verachtet. Aber was ich für tote Asche gehalten hatte, erwachte jetzt wieder zu lebendiger Glut. Das Feuer in ihm war echt, daran war kein Zweifel. Ach, warum hat Gott den Menschen so zwiespältig geschaffen? Wollte er nur seine göttliche Kunst zeigen? Noch vor wenigen Minuten hatte ich gedacht, daß Sandip, den ich einst für einen Helden gehalten hatte, nur ein armseliger Theaterheld sei. Aber auch darin hatte ich nicht recht. Denn selbst unter dem Flitterkram des Theaters kann sich zuweilen ein wahrer Held verbergen.

Es ist sehr viel Roheit, Sinnlichkeit und Lüge in Sandip, und seine Seele ist mit mancher Lage von irdischen Stoffen bedeckt. Dennoch müssen wir zugeben, daß in seiner innersten Tiefe vieles verborgen ist, was wir nicht verstehen und nicht verstehen können, — wie ja auch vieles in uns selbst uns ein Rätsel bleibt. Ein wunderbares Wesen ist doch der Mensch! Welchem großen, geheimnisvollen Zweck er dient, das weiß nur der große Furchtbare[39], während wir unter der Last stöhnen. Schiva wird das Chaos lichten. Er ist eitel Freude. Er wird unsre Bande zerbrechen.

Ich fühle immer wieder, wie zwei Wesen in mir sind. Das eine weicht vor Sandip zurück, wenn er mir wie das Chaos selbst entgegentritt, das andre wird gerade dadurch unwiderstehlich angezogen. Das sinkende Schiff zieht alle, die es umschwimmen, in die Tiefe. Sandip ist solch eine vernichtende Kraft. Seine ungeheure Anziehungskraft ergreift uns, bevor Furcht uns warnt, und in einem Augenblick werden wir widerstandslos hinabgezogen, fort von allem Licht, von allem Guten, von Luft und Freiheit, von allem, was uns lieb und teuer war, — hinab in den Abgrund der Vernichtung.

Sandip ist als Bote gekommen aus einem fernen Reiche des Unheils, und wie er über das Land schreitet und unheilige Zaubersprüche murmelt, scharen sich alle Knaben und Jünglinge um ihn. Die Mutter sitzt im Lotusherzen des Landes und wehklagt laut, denn sie haben ihre Vorratskammer erbrochen, um dort ihr trunkenes Gelage zu halten. Ihre Weinernte für den Trank der Unsterblichen schütten sie in den Staub; ihre altehrwürdigen Geräte zertrümmern sie. Wohl fühle ich ihr Leid, doch zugleich werde auch ich von dem Rausch mit fortgerissen.

Die Wahrheit selbst hat uns diese Versuchung geschickt, um unsre Treue gegen ihre Gebote zu prüfen. Die Trunkenheit verkleidet sich in himmlisches Gewand und tanzt vor den Pilgern her. »Ihr Narren,« ruft sie, »die ihr den unfruchtbaren Weg der Entsagung geht! Er ist lang und die Zeit vergeht euch langsam, wenn ihr ihn wandelt. Daher hat mich der Schleuderer des Donnerkeils zu euch geschickt. Seht her! Ich, die Schönheit, die Leidenschaft, rufe euch zu mir, — in meiner Umarmung sollt ihr Erfüllung finden.«

Nach einer Pause wandte Sandip sich noch einmal an mich. »Göttin, die Zeit ist gekommen, wo ich dich verlassen muß. Es ist gut so. Deine Nähe hat ihre Wirkung getan. Wenn ich noch länger säumte, würde sie allmählich wieder aufgehoben. Wir verlieren alles, wenn wir in unsrer unersättlichen Begierde das gemein machen wollen, was das Höchste auf Erden ist. Was ewig ist im Augenblick, wird schal, wenn wir es in der Zeit ausbreiten. Wir waren im Begriff, unsern unendlichen Augenblick zu verderben, als du deinen Donnerkeil erhobst, der ihm zu Hilfe kam. Du selbst rettetest die Reinheit deines Gottesdienstes und damit zugleich auch deinen Priester. Um deines Gottesdienstes willen scheide ich heute. Ja, Göttin, auch ich gebe dich heute frei. Mein irdischer Tempel konnte dich nicht mehr fassen; er drohte jeden Augenblick zu bersten. Ich scheide heute, um in einem größern Tempel dein größeres Ebenbild anzubeten. Erst wenn ich fern von dir bin, wirst du wahrhaft mein werden. Hier empfing ich nur deine Gunst, dort wird mir deine Gnade zuteil werden.«

Mein Schmuckkasten stand noch auf dem Tisch. Ich hob ihn auf und sagte: »Bringen Sie diese Juwelen der Gottheit, der ich diene, und opfern Sie sie ihr in meinem Namen!«