Wo mochte er hingehen, um das Geld zurückzugeben? Welcher neuen Gefahr lief der arme Junge in die Arme? Ach du elendes Weib, du kannst ihn nur wie einen Pfeil absenden, aber nicht zurückrufen, wenn du dein Ziel verfehlst.
Ich hätte sogleich bekennen sollen, daß ich die Triebfeder dieses Raubüberfalls war. Aber wir Frauen leben von dem Vertrauen unsrer Umgebung, — es bedeutet uns die Welt. Wenn es einmal offenbar wird, daß wir dies Vertrauen heimlich verraten haben, so haben wir den Platz in unsrer Welt verloren. Wir müssen auf den Trümmern dessen stehen, was wir zerbrochen haben, und seine scharfen Kanten verwunden uns bei jeder Bewegung. Sündigen ist leicht, aber Wiedergutmachen ist schwer, besonders für eine Frau.
Seit einiger Zeit ist jede ungezwungene Annäherung an meinen Gatten mir abgeschnitten. Wie konnte ich ihn nun plötzlich mit dieser ungeheuerlichen Nachricht überfallen! Er kam heute sehr spät zum Essen, es war fast zwei Uhr. Er war zerstreut und rührte kaum einen Bissen an. Ich fühlte, daß ich sogar das Recht verscherzt hatte, ihn zu nötigen, noch etwas mehr zu nehmen, und ich mußte mein Gesicht abwenden, um meine Tränen zu verbergen.
Ich hätte so gern zu ihm gesagt: »Komm doch in unser Zimmer und ruhe ein Weilchen; du siehst so müde aus.« Gerade schickte ich mich dazu an, als ein Diener eilig die Nachricht brachte, daß der Polizeiinspektor Pantschu zum Palast heraufgebracht hätte. Das Antlitz meines Gatten überschattete sich noch mehr, und er ging hinaus, ohne sein Mahl zu beenden.
Bald darauf erschien die Bara Rani. »Warum gabst du mir nicht Nachricht, als Bruder Nikhil hereinkam?« beklagte sie sich. »Da er so spät kam, dachte ich, ich könnte inzwischen mein Bad nehmen. Wie wurde er nur so schnell mit dem Essen fertig?«
»Wolltest du etwas von ihm?«
»Was bedeutet das, daß ihr morgen beide nach Kalkutta reisen wollt? Aber das sage ich euch, ich bleibe nicht allein hier. Ich würde mich bei jedem Laut tot ängstigen, jetzt, wo alle diese Banditen hier ihr Wesen treiben. Ist es ganz bestimmt, daß ihr morgen reist?«
»Ja«, sagte ich, obgleich ich erst eben jetzt davon hörte und außerdem gar nicht sicher war, ob nicht bis dahin Ereignisse eintreten würden, die es ganz gleichgültig machten, ob wir reisten oder blieben. Wie danach unser Heim und unser Leben sich gestalten würden, konnte ich mir gar nicht vorstellen, alles erschien mir so nebelhaft und gespenstisch.
In ein paar Stunden mußte mein jetzt noch verborgenes Schicksal sichtbar werden. War niemand da, der den Flug dieser Stunde aufhalten konnte, so daß ich Zeit gewann, wieder gutzumachen, soweit es in meiner Macht lag? Die Zeit, wo der böse Same im Boden liegt, ist lang, — so lang, daß man gar nicht mehr fürchtet, er könne aufgehen. Aber sobald er aus dem Boden hervorsprießt, wächst er so schnell, daß gar keine Zeit bleibt, ihn zuzudecken, selbst nicht mit dem eigenen Leben.
Ich will versuchen, nicht mehr daran zu denken, sondern in stummer Passivität dasitzen, bis der Zusammenbruch kommt. Laß ihn kommen, in ein paar Tagen wird alles vorüber sein — Entdeckung, Spott, Mitleid, Fragen, Erklärungen — alles.