»Mach', daß du fortkommst!« fuhr ich sie an. »Laß mich in Ruh!«
»Die Bara Rani läßt Sie rufen,« sagte sie. »Ihr Neffe hat ihr ein so wundervolles Instrument von Kalkutta mitgebracht. Es spricht wie ein Mensch. Kommen Sie und hören Sie!«
Ich wußte nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. So mußte jetzt von allen Dingen auf der Welt ein Grammophon auf der Bildfläche erscheinen, um bei jeder Drehung den näselnden Singsang seiner Arien zu wiederholen! Welch fürchterliche Sache ist es doch um eine Maschine, die einen Menschen nachäfft!
Die Schatten des Abends begannen zu sinken. Ich wußte, daß Amulja sich sofort melden würde, wenn er zurückkäme, doch ich konnte nicht länger warten. Ich rief einen Diener und sagte: »Geh und sag Amulja Babu, er möchte sofort herkommen!« Der Mann kam nach einer Weile zurück mit dem Bescheid, daß Amulja noch immer nicht zu Hause sei, er sei schon so lange fort.
»Fort!« Dies letzte Wort tönte wie eine Klage durch das zunehmende Dunkel an mein Ohr. Amulja fort! War er denn gekommen wie ein Strahl der untergehenden Sonne, um auf immer zu verschwinden? Alle möglichen und unmöglichen Gefahren schwirrten mir durch den Sinn. Ich war es, die ihn in den Tod geschickt hatte. Wenn er ihm auch furchtlos entgegengegangen war, das zeigte nur seine Seelengröße. Aber wie sollte ich hiernach noch ohne ihn allein weiterleben?
Ich hatte kein Andenken von Amulja außer jener Pistole, seinem Brudergeschenk. Sie erschien mir als ein Zeichen, das mir die Vorsehung geschickt hatte. Diese Schuld, die mein Leben an seiner Wurzel vergiftet hatte, — mein Gott hatte mir in Gestalt eines Kindes das Mittel gegeben, sie auszulöschen, und war dann entschwunden. O welche Fülle erlösender Gnade lag in dieser Liebesgabe verborgen!
Ich öffnete meine Truhe, nahm die Pistole heraus und hob sie in ehrfürchtiger Scheu an meine Stirn. In dem Augenblick erklangen die Glocken vom Tempel unseres Hauses. Ich warf mich anbetend nieder.
Am Abend bewirtete ich das ganze Haus mit meinen Kuchen. »Du hast uns einen wunderbaren Geburtstagsschmaus bereitet, und dazu noch ganz allein!« rief meine Schwägerin aus. »Aber du mußt auch uns etwas zu tun übrig lassen.« Und damit stellte sie ihr Grammophon an und ließ den schrillen Sopran der Kalkuttaschen Sängerinnen durch das Haus tönen. Es war, als hörte man einen Stall voll wiehernder Füllen.