Es wurde ziemlich spät, bis der Schmaus vorüber war. Ich hatte plötzlich ein Verlangen, meine Geburtstagsfeier damit zu beenden, daß ich die Füße meines Gatten ehrfurchtsvoll berührte. Ich ging hinauf ins Schlafzimmer und fand ihn in tiefem Schlafe. Er hatte einen so sorgenvollen, schweren Tag gehabt. Ich hob ganz, ganz sachte den Saum des Mosquitonetzes und legte meinen Kopf neben seine Füße. Mein Haar mußte ihn berührt haben, denn er bewegte im Schlaf die Füße und stieß meinen Kopf weg.
Ich ging hinaus und setzte mich auf die Veranda an der Westseite. Ein Wollbaum, der alle seine Blätter verloren hatte, stand in der Ferne da wie ein Skelett. Hinter ihm sank die Mondsichel hinab. Plötzlich hatte ich das Gefühl, daß selbst die Sterne des Himmels Furcht vor mir hätten, daß die ganze Nachtwelt mich mißtrauisch anblickte. Warum? Weil ich allein war.
Es gibt nichts Trostloseres in der Schöpfung als den Menschen, der allein ist. Selbst der, dessen Angehörige alle einer nach dem andern gestorben sind, ist nicht allein, Gesellschaft kommt ihm von jenseits des Grabes. Doch der, dessen Angehörige noch leben, aber keine Gemeinschaft mit ihm haben, der aus dem bunten Kreis eines vollen Heims herausgefallen ist, dessen Dunkel blickt selbst das Sternenweltall mit Schaudern an.
Wo ich bin, da bin ich nicht. Ich bin weit fort von denen, die um mich sind. Ich lebe und bewege mich am Rande einer weltweiten Trennungskluft, unsicher wie der Tautropfen auf dem Lotusblatt.
Warum verwandeln die Menschen sich nicht ganz, wenn sie sich verwandeln? Wenn ich in mein Herz sehe, so finde ich noch alles da, was sonst da war, — nur ist alles auf den Kopf gestellt. Was schön geordnet war, liegt wirr durcheinander. Die Perlen, die zu einem Halsband vereint waren, rollen im Staub. Und so bricht mir das Herz.
Ich möchte sterben. Und doch wird in meinem Herzen alles fortleben, — selbst im Tode kann ich nicht das Ende von allem sehen; der Tod bringt nur noch größere Reuequalen. Was beendet werden soll, muß in diesem Leben beendet werden, — es gibt keinen andern Ausweg.
O vergib mir nur dies eine Mal noch, mein Gott! Alles, was du als Reichtum meines Lebens in meine Hände legtest, habe ich mir zur Last gemacht. Ich kann sie nicht länger tragen, noch sie abwerfen. O Herr, laß noch einmal jene süßen Melodien auf deiner Flöte ertönen, die du einst vor langer Zeit für mich spieltest, als du am rosigen Horizont meines Morgenhimmels standest, — und laß alle meine Verwirrungen einfach und leicht sich lösen! Nur die Musik deiner Flöte kann heilen, was zerbrochen, und reinigen, was beschmutzt ist. Schaffe mein Heim neu mit deiner Musik! Ich weiß keine andere Rettung.
Ich warf mich ausgestreckt auf den Boden und schluchzte laut. Ich betete um Erbarmen, um ein wenig Erbarmen von irgendwoher, um Zuflucht, um irgendein Zeichen von Vergebung, eine Hoffnung, die das Ende bringen könnte. »Herr!« gelobte ich, »ich will hier liegen und warten und warten und weder Speise noch Trank anrühren, bis deine segnende Hand mich berührt hat.«
Ich hörte das Geräusch von Tritten. Wer sagt, daß die Götter sich nicht den Sterblichen zeigen? Ich wagte nicht mein Antlitz zu erheben, aus Furcht, sein Anblick könne den Zauber verscheuchen. Komm, ach, komm und laß deine Füße mein Haupt berühren! Komm, Herr, und setze deinen Fuß auf mein pochendes Herz und laß mich in dem Augenblick sterben!
Er kam und setzte sich zu meinen Häupten. Wer? Mein Gatte! Im ersten Augenblick, als ich seine Gegenwart fühlte, war mir, als sollten mir die Sinne schwinden. Und dann brach all der Schmerz, der sich in meiner Seele gestaut hatte, in einem unaufhaltsamen Tränenstrom hervor. Ich preßte seine Füße an meinen Busen, als ob ich ihre Spur für immer dort festhalten wollte.