ZWÖLFTES KAPITEL
NIKHILS ERZÄHLUNG
XV
Heute reisen wir nach Kalkutta. Wenn wir nur immer fortfahren, unsre Freuden und Leiden anzuhäufen, lasten sie schwer auf uns. Wir sollten sie von uns werfen, denn wir haben nicht hier unsre Stätte, sondern sind Pilger auf dem Pfade des Lebens. Wenn wir hier unser Haus bauen, kerkern wir unsre Seele ein, bis sie in der Kerkerluft erstickt.
Meine Vereinigung mit dir, Geliebte, war nur für die Pilgerfahrt, die hinter uns liegt; sie war gut, solange wir denselben Weg gingen, sie wird uns nur hemmen, wenn wir versuchen, sie darüber hinaus zu erhalten. Jetzt streifen wir diese Fessel ab. Wir haben die Reise nach andern Zielen angetreten, und es muß uns genug sein, wenn wir einander einen Blick zuwerfen oder im Vorübergehen die Hand des andern streifen können. Und danach? Danach gelangen wir auf die größere Heerstraße der Welt, in den endlosen Strom des Alllebens.
Wie unermeßlich viel bleibt mir noch, wenn wir geschieden sind! Geliebte! Wenn ich lausche, höre ich die Flöte spielen, ich höre den Quell ihrer Melodien hervorströmen aus der Kluft, die uns trennt. Der unsterbliche Trank der Göttin versiegt nie. Sie zerbricht nur bisweilen den Becher, aus dem wir ihn trinken, und lächelt, wenn sie uns so untröstlich sieht über den unbedeutenden Verlust. Ich will nicht stillstehen und die Scherben auflesen. Ich will vorwärtsschreiten, wenn auch mit durstendem Herzen.
Die Bara Rani kam und fragte mich: »Was bedeutet denn das, Bruder, daß diese Bücher eingepackt und kistenweise weggeschickt werden?«
»Das bedeutet nur, daß ich meine Liebe zu ihnen noch nicht habe überwinden können,« erwiderte ich.
»Ich wollte nur, daß du deine Liebe auch einigen andern Dingen noch bewahrtest! Hast du denn die Absicht, gar nicht nach Hause zurückzukommen?«
»Ich werde hin und wieder kommen, aber ich werde mich hier nicht wieder ganz einmauern.«