»O wirklich! Nun, da komm einmal in mein Zimmer und sieh, an wieviel Dingen ich mit meiner Liebe hänge!« Damit nahm sie mich bei der Hand und führte mich ab.
Im Zimmer meiner Schwägerin fand ich zahllose Koffer und Bündel fertig gepackt. Sie öffnete einen der Koffer und sagte: »Sieh, Bruder, da habe ich all meine Sachen zur Bereitung von pan[42]. In dieser Flasche habe ich Katschupuder, das mit dem Pollen von Schraubenbaumblüten gewürzt ist. In den kleinen Zinndosen sind lauter verschiedene Gewürze. Auch meine Spielkarten und mein Damenbrett habe ich nicht vergessen. Wenn ihr beiden zu beschäftigt seid, so werde ich schon andre Freunde da finden, die ein Spiel mit mir machen. Erinnerst du dich noch an diesen Kamm? Es ist einer von den Swadeschi-Kämmen, die du mir mitbrachtest...«
»Aber was bedeutet dies alles, Schwester Rani? Warum hast du denn all diese Sachen gepackt?«
»Denkst du, ich gehe nicht mit euch?«
»Aber welche Idee!«
»Hab keine Angst! Ich werde weder mit dir kokettieren noch mit der Tschota Rani streiten. Man muß doch eines Tages sterben, und man tut ebenso gut, das Ufer des heiligen Ganges aufzusuchen, bevor es zu spät ist. Der Gedanke, hier auf eurem elenden Verbrennungsplatz unter dem verkrüppelten Feigenbaum eingeäschert zu werden, ist entsetzlich, — darum habe ich mich nicht entschließen können, zu sterben und dich so lange geplagt.«
Hier sprach endlich mein Heim zu mir mit seiner wahren Stimme. Die Bara Rani war als Braut in unser Haus gekommen, als ich erst sechs Jahre alt war. Wir haben an den schläfrigen Nachmittagen zusammen in einer Ecke der Terrasse des Daches gespielt. Ich habe ihr oben vom Baum herunter grüne Mangofrüchte zugeworfen, aus denen sie köstlich unverdauliche chutnees machte, indem sie sie in dünne Scheiben zerschnitt und mit Senf, Salz und verschiedenen Kräutern würzte. Meine Aufgabe war es, ihr all die verbotenen Sachen aus der Vorratskammer zu holen, die sie für das Hochzeitsfest ihrer Puppe brauchte, denn der Strafkodex meiner Großmutter ließ nur für mich Ausnahmen zu. Und sie wählte mich immer zum Boten an ihren Bruder, wenn sie ihm etwas Besonderes abschmeicheln wollte, denn meinen ungestümen Bitten konnte er nicht widerstehen. Ich weiß noch, wie ich damals unter den strengen Maßregeln der Ärzte litt, die bei Fieberanfällen nur warmes Wasser und Kardamomlimonade gestatteten, und wie meine Schwägerin meine Entbehrungen nicht mit ansehen konnte und mir heimlich Leckerbissen brachte. Was für Schelte bekam sie eines Tages, als sie dabei ertappt wurde!
Und als wir dann größer wurden, waren die Leiden und Freuden, die uns miteinander verbanden, ernsterer Art. Wie wir mitunter in Streit gerieten! Bisweilen, wenn eigennützige Interessen uns trennten, stieg Mißtrauen und Eifersucht auf und brachte einen Riß in unsre Freundschaft; und als die Tschota Rani zwischen uns trat, sah es so aus, als ob dieser Riß nie wieder heilen würde. Aber es zeigte sich immer, daß die heilenden Kräfte am Grunde stärker waren als die Wunden an der Oberfläche.