»Ich will dir offen sagen, Sandip,« erwiderte mein Gatte, »gerade mein Gefühl ist verletzt, wenn ihr Ungerechtigkeit zur Pflicht zu machen sucht, und Gottlosigkeit zum sittlichen Ideal. Wenn ich nicht imstande bin zu stehlen, so liegt die Ursache nicht in meinen logischen Fähigkeiten, sondern in einem gewissen Gefühl von Selbstachtung und Treue gegen meine Ideale.«
Ich kochte innerlich. Zuletzt konnte ich nicht länger schweigen. »Ist nicht die Geschichte jedes Landes,« rief ich, »sei es nun England, Frankreich, Deutschland oder Rußland, die Geschichte von Diebstählen, die für das Vaterland begangen wurden?«
»Sie müssen für diese Diebstähle zahlen; sie müssen schon jetzt dafür zahlen; ihre Geschichte ist noch nicht zu Ende.«
»Auf jeden Fall,« fiel Sandip Babu ein, »meine ich, wir sollten es ebenso machen wie sie. Laß uns nur einstweilen die Koffer unsres Landes mit gestohlenen Schätzen füllen, und dann mögen, wie bei den andern Ländern, Jahrhunderte darüber hingehen, ehe wir dafür zahlen, wenn es überhaupt dazu kommt. Denn ich frage dich, wo findest du für diese ›Zahlen‹ ein Beispiel in der Geschichte?«
»Als Rom für seine Sünde zahlte, wußte es niemand. Die ganze Zeit schien sein Glück unbegrenzt zu sein. Aber siehst du denn nicht das eine: wie sie unter der Last ihrer politischen Lügen und Verrätereien zusammenbrechen?«
Ich hatte nie vorher Gelegenheit gehabt, bei einer Diskussion zwischen meinem Gatten und seinen Freunden zugegen zu sein. Immer, wenn er mit mir stritt, konnte ich fühlen, wie ungern er mich in die Enge trieb. Dies kam daher, daß er mich so liebte. Heute sah ich zum erstenmal seine Fechtkunst im Wortstreite.
Dennoch wollte mein Herz nicht für ihn Partei nehmen. Ich suchte nach einer Antwort, aber ich fand keine. Wenn jemand sich auf den Standpunkt der Gerechtigkeit stellt, so klingt es häßlich, wenn man ihm sagt, daß nicht alles, was gut ist, für das Leben taugt.
Plötzlich wandte sich Sandip Babu an mich mit der Frage: »Was sagen denn Sie dazu?«
»Ich bin nicht für feine Unterscheidungen«, brach ich los. »Ich will Ihnen ganz kurz und einfach sagen, wie ich empfinde. Ich bin nur ein Mensch und habe als solcher meine Begierden. Ich möchte meinem Vaterlande Gutes verschaffen. Zur Not würde ich es mit Gewalt nehmen oder stehlen. Ich habe meine Galle. Ich könnte um meines Vaterlandes willen in Wut geraten. Ich könnte, wenn es darauf ankäme, Mord und Totschlag begehen, um seine Schmach zu rächen. Ich habe das Bedürfnis, mich zu begeistern, und das, was mich begeistern soll, wie mein Vaterland, muß mir in sinnfälliger Gestalt entgegentreten. Es muß ein sichtbares Symbol haben, das seinen Zauber auf mich ausübt. Ich möchte mein Vaterland personifizieren können und es Mutter, Göttin, Durga[13] nennen — und ich würde in seinem Dienst die Erde mit dem Blut meiner Opfergaben röten. Ich bin ein Mensch, kein ›Heiliger‹.«
Sandip Babu sprang begeistert auf und rief: »Hurrah!« — Im nächsten Augenblick verbesserte er sich und rief: »Bande Mataram.«