Ein leiser Zug von Schmerz ging über das Gesicht meines Gatten. Seine Stimme klang sehr sanft, als er zu mir sagte: »Auch ich bin kein Heiliger, auch ich bin ein Mensch. Und daher darf ich niemals dulden, daß das Böse, das in mir ist, zu einem Götzenbild des Vaterlandes herausgeputzt wird — niemals!«

Sandip Babu aber rief: »Sieh, Nikhil, wie die Wahrheit im Herzen des Weibes Fleisch und Blut annimmt. Das Weib versteht es, grausam zu sein; sein Wüten ist wie ein blinder Sturm. Es ist schön in seiner Furchtbarkeit. Bei dem Manne ist es häßlich, weil es den nagenden Wurm des Gedankens und der Vernunft in sich birgt. Ich sage dir, Nikhil, unsre Frauen sind es, die das Vaterland retten werden. Jetzt ist nicht die Zeit für ängstliche Skrupel. Wir müssen, ohne zu schwanken und ohne zu überlegen, brutal sein. Wir müssen sündigen. Wir müssen unsern Frauen rote Sandelpaste geben, daß sie unsre Sünde salben und auf den Thron setzen. Erinnerst du dich noch der Worte des Dichters:

Komm Sünde, schöne Sünde,
Und gieß mit deinen brennend heißen Küssen
Feurigen roten Wein in unser Blut!
Gebieterisch laß die Trompete tönen
Und kröne unsre Stirne mit dem Kranz
Jauchzender Zügellosigkeit!
O Göttin, große Schänderin, komm, salbe
Die Brust uns schamlos mit dem schwarzen Schlamm der Schande!

Fort mit jener Gerechtigkeit, die den Feind nicht lächelnd ins Verderben schleudern kann!«

Ein kalter Schauer durchlief mich, als Sandip Babu so stolz erhobenen Hauptes, dem Impuls des Augenblicks folgend, alles verhöhnte, was die Menschen in allen Ländern und zu allen Zeiten als ihr Höchstes geehrt haben.

Aber in wildem Trotz aufstampfend, fuhr er fort: »Ich erkenne dich, schöner Feuergeist, der das Heim zu Asche verbrennt, um mit seiner Flamme die ganze Welt zu erleuchten. Gib uns den unbezwinglichen Mut, uns in die tiefste Hölle des Verderbens zu stürzen! Gib allem, was tödlich ist, den Reiz deiner Schönheit!«

Es war nicht klar, wen Sandip Babu mit diesen letzten Worten anrief. Vielleicht war es die Gottheit, der sein Bande Mataram galt. Vielleicht waren es die Frauen seines Vaterlandes im allgemeinen. Vielleicht auch war es ihre Vertreterin, die Frau, die vor ihm stand. Er hätte noch im gleichen Tone fortgefahren, wenn mein Gatte sich nicht plötzlich erhoben und leicht seine Schulter berührend gesagt hätte: »Sandip, Tschandranath Babu ist hier.«

Ich fuhr zusammen, und als ich mich umsah, erblickte ich einen alten Herrn von ehrwürdigem Äußern, der ruhig abwartend an der Tür stand, in Zweifel, ob er hereinkommen oder sich zurückziehen sollte. Auf seinem Antlitz lag ein mildes Licht wie das der untergehenden Sonne.

Mein Gatte trat zu mir heran und flüsterte: »Dies ist mein Lehrer, von dem ich dir so oft erzählt habe. Begrüße ihn, wie sich's gebührt!«