DRITTES KAPITEL
BIMALAS ERZÄHLUNG
VI
Wo war nur mein Schamgefühl geblieben? Ich hatte keine Zeit, über mich nachzudenken. Meine Tage und Nächte gingen in einem Wirbel dahin, in einem Strudel, dessen Mittelpunkt ich war. Überlegung und Zartgefühl konnten gar nicht an mich heran.
Eines Tages machte meine Schwägerin meinem Gatten gegenüber die Bemerkung: »Bis jetzt waren es immer die Frauen dieses Hauses, die weinen mußten. Jetzt kommen die Männer an die Reihe.«
»Wir müssen aufpassen, daß sie auch richtig drankommen«, fuhr sie dann, zu mir gewandt, fort. »Ich sehe, du bist kampfgerüstet, Tschota Rani[15]. Schleudere ihnen nur deine Pfeile mitten ins Herz!«
Sie musterte mich mit scharfem Blick von oben bis unten. Nichts von dem Farbenglanz, den meine Kleidung, mein Schmuck, meine Rede, mein ganzes Wesen ausstrahlten, entging ihr. Heute schäme ich mich, davon zu sprechen, aber damals fühlte ich keine Scham. Es war etwas in mir am Werk, dessen ich mir selbst nicht bewußt war. Ich pflegte mich übermäßig zu putzen, aber fast mechanisch, ohne besondere Absicht. Wohl wußte ich, wie ich Sandip Babu am besten gefallen würde, aber dazu bedurfte ich keiner besonderen Eingebung, denn er sprach ganz offen vor allen darüber.
Eines Tages sagte er zu meinem Gatten: »Weißt du noch, Nikhil, als ich unsre Bienenkönigin zuerst sah, da saß sie so ehrbar da in ihrem goldgesäumten Sari. Ihre Augen sahen fragend ins Leere, wie verirrte Sterne, als ob sie jahrtausendelang am Rande der Finsternis gestanden und nach etwas Unbekanntem ausgeschaut hätte. Aber als ich sie sah, fühlte ich, wie ein Schauer mich durchlief. Es war mir, als ob der goldene Saum ihres Sari ihr eigenes inneres Feuer war, das aus ihr hervorbrach und sie umzüngelte. Das ist die Flamme, die wir brauchen, das sichtbare Feuer! Hören Sie einmal, Bienenkönigin, Sie müßten uns wirklich die Gunst erweisen, sich noch einmal als lebendige Flamme zu kleiden.«