Bis dahin war ich wie ein kleines Bächlein am Rande eines Dorfes gewesen. Ton und Rhythmus waren anders als jetzt. Aber da kam die Flut vom Meere herauf; meine Brust wogte, meine Ufer wichen, und die lauten Trommelschläge der Meereswogen peitschten meinen Lauf zu tollem Rasen. Ich wußte nicht, was die Stimme in meinem Blut sagen wollte. Wo war mein früheres Selbst geblieben? Von woher strömte all dieser Glanz auf mich? Sandips hungrige Augen brannten wie geweihte Lampen vor meinem Schrein. Jeder seiner Blicke verkündete, daß ich ein Wunder war an Schönheit und Macht; und der laute Schall seines Lobes, ob er es nun aussprach oder nicht, übertönte alle andern Stimmen in meiner Welt. Hatte der Schöpfer mich von neuem geschaffen? so fragte ich mich staunend. Wollte er mich dafür entschädigen, daß er mich so lange vernachlässigt hatte? Ich, die ich vorher ganz unscheinbar und unbedeutend gewesen war, war plötzlich schön geworden und fühlte mich als Krone Bengalens.

Denn Sandip Babu war nicht irgendeiner. In ihm flossen Millionen Geister des Landes zusammen. Wenn er mich die Königin des Bienenstocks nannte, so jubelte der ganze Chor von begeisterten Patrioten mir zu. So kam es, daß der laute Spott meiner Schwägerin mich gar nicht mehr berühren konnte. Meine Beziehungen zu der ganzen Welt waren verwandelt. Sandip Babu machte es mir klar, wie das ganze Land meiner bedurfte. Mir wurde es damals nicht schwer, das zu glauben, denn ich fühlte in mir die Kraft, alles zu tun. Ich war von göttlicher Kraft erfüllt. Es war etwas, was ich nie vorher gefühlt hatte, was höher war, als ich selbst. Ich hatte keine Zeit zu forschen, welcher Art es war. Es schien zu mir zu gehören und doch über mich hinauszugehen. Es umfaßte ganz Bengalen.

Sandip Babu pflegte mich in allen wichtigen und unwichtigen Dingen, die die nationale Sache angingen, um Rat zu fragen. Zuerst war ich sehr verlegen und zögerte mit der Antwort, aber das verlor sich bald. Was ich auch vorschlug, immer schien mein Rat ihn in Erstaunen zu setzen. Dann geriet er in Begeisterung und sagte: Wir Männer können nur denken. Ihr Frauen habt eine Art, ohne Denken zu verstehen. Die Frau ist Gottes Phantasie entsprungen; den Mann hat er aus dem Stoff herausgehämmert.

Sandip Babu erhielt aus allen Teilen des Landes Briefe, die er mir zeigte, um meine Meinung zu hören. Gelegentlich war er anderer Ansicht als ich. Aber ich versuchte nicht, ihn zu überzeugen. Dann ließ er mich wohl nach ein paar Tagen rufen — als ob ihm plötzlich eine neue Erkenntnis aufgegangen wäre — und sagte: »Ich habe mich doch geirrt; Sie hatten ganz recht mit Ihrer Ansicht.« Er gestand mir oft, daß er immer, wo er meinem Rat entgegengehandelt, die Sache verkehrt gemacht hätte. So kam ich allmählich zu der Überzeugung, daß hinter allem, was geschah, Sandip Babu stände und daß Sandip Babu selbst von dem einfachen Verstand einer Frau geleitet würde. Der Stolz auf eine große Verantwortlichkeit erfüllte mein ganzes Wesen.

Mein Gatte hatte keinen Platz in unserm Rat. Sandip Babu behandelte ihn wie einen jüngeren Bruder, den man persönlich wohl sehr gern hat, dessen Rat in Geschäften man aber nicht brauchen kann. Er pflegte mit nachsichtigem Lächeln von meines Gatten kindlicher Naivität zu sprechen, indem er sagte, daß seine merkwürdigen Theorien und verkehrten Ideen einen Anstrich von Humor hätten, der sie um so liebenswürdiger machte. Es war anscheinend gerade diese Liebe zu Nikhil, die Sandip Babu bewog, ihn nicht mit den Sorgen um das Vaterland zu belasten.

Die Natur hat in ihrer Apotheke viele Betäubungsmittel, die sie heimlich anwendet, wenn sie Lebensbeziehungen verräterisch abschneiden will, so daß niemand die Operation bemerkt, bis man endlich erwacht und sieht, was für ein großer Schnitt gemacht ist. Als das Messer geschäftig war, die innersten Bande meines Lebens abzuschneiden, war mein Geist so umwölkt von den betäubenden Gasdünsten, daß ich nicht im geringsten merkte, welche Grausamkeit da an mir begangen wurde. So ist wohl die Natur der Frau. Wenn ihre Leidenschaft geweckt wird, so verliert sie das Empfinden für alles andere. Wir Frauen gleichen dem Fluß: solange wir innerhalb unsrer Ufer bleiben, spenden wir Fruchtbarkeit mit allem, was wir haben; sobald wir sie überfluten, bringen wir Zerstörung mit allem, was wir sind.

Fußnoten:

[15] Bimala war als Gattin des jüngeren Bruders die Tschota Rani oder jüngere Herrin.