Nikhil ließ den Mann rufen und fragte ihn aus. »Es war nicht meine Schuld«, wiederholte Nanku trotzig. »Ich hatte Befehl.«
»Wer gab dir den Befehl?«
»Die Bara Rani.«
Eine Weile schwiegen wir alle. Nachdem der Mann hinaus war, sagte Bima: »Nanku muß fort.« Nikhil antwortete nicht. Ich sah, daß sein Gerechtigkeitsgefühl sich dagegen sträubte. Immer neue Schwierigkeiten stiegen vor ihm auf. Aber diesmal war die Lösung besonders schwer. Bima war nicht die Frau, die eine Sache hingehen ließ. Sie mußte sich ihrer Schwägerin gegenüber behaupten, dadurch, daß sie den Burschen bestrafte. Und als Nikhil stumm blieb, sprühten ihre Augen Blitze. Sie wußte nicht, wie sie ihre Verachtung für die Schwachmütigkeit ihres Gatten zum Ausdruck bringen sollte. Nach einer Weile verließ Nikhil das Zimmer, ohne ein Wort gesagt zu haben.
Am nächsten Tag war Nanku nicht zu sehen. Auf meine Frage sagte man mir, daß er auf eins der andern Güter geschickt und daß es nicht sein Schade sei.
Ich konnte ab und zu einen schnellen Blick werfen, der mir zeigte, welche Verheerungen der hierdurch hervorgerufene Sturm hinter der Szene anrichtete. Ich kann nur sagen, daß Nikhil ein merkwürdiges Geschöpf ist, ganz anders als andere.
Das Resultat war, daß Bima mich von jetzt ab ohne weiteres zu einer gemütlichen Unterhaltung ins Wohnzimmer rufen ließ, ohne irgendeinen Vorwand oder Versuch, dem Zusammensein den Schein des Zufälligen zu geben. So gaben wir fast jede Zurückhaltung auf, und was bisher stillschweigend verstanden war, wurde jetzt offen ausgesprochen. Die Gemahlin eines Radscha lebt sonst in einer Sternenregion, die dem gewöhnlichen Sterblichen so fern ist, daß kein Weg zu ihr hinführt. Welch ein Triumph der siegreich fortschreitenden Wahrheit war es doch, daß allmählich, aber unaufhaltsam ein Schleier verhüllender Sitte nach dem andern fiel, bis sich endlich die Natur in ihrer wahren Gestalt zeigte.
Triumph der Wahrheit? Ja, der Wahrheit! Die gegenseitige Anziehung zwischen Mann und Weib ist die Grundlage alles Seins. Die ganze Welt der Materie, vom Staubkörnchen aufwärts, ist diesem Gesetz unterworfen. Und doch versuchen die Menschen, sie hinter einem Schleier von Worten verborgen zu halten, und wollen mit hausbackenen Verordnungen und Verboten ein Hausgerät aus ihr machen.
Wenn trotz alledem die Natur beim Rufe der Wahrheit erwacht, welch ein Zähneknirschen und Sich-an die-Brust-Schlagen! Aber kann man mit dem Sturm streiten? Er gibt sich nicht die Mühe zu antworten, sondern schüttelt nur seinen Gegner.
Ich genieße den Anblick dieser Wahrheit, die sich mir immer mehr enthüllt. Wie lieblich sind diese zitternden Schritte, dies Sichabwenden; wie lieblich sind diese kleinen Betrügereien, womit Bima nicht nur andere, sondern auch sich selbst täuscht! Verstellung ist die beste Waffe des Wirklichen dem Unwirklichen gegenüber, denn die Feinde des Wirklichen suchen es immer zu verunehren, indem sie es roh nennen, und daher muß es sich verstecken oder verstellen. Es darf nicht offen bekennen: »Ja, ich bin roh, weil ich wahr bin. Ich bin Fleisch und Blut. Ich bin Leidenschaft. Ich bin Hunger, der ohne Erbarmen und ohne Scham zupackt.«