Ich sehe jetzt alles klar vor mir. Der Vorhang flattert, und durch den Spalt kann ich die Vorbereitungen für die Katastrophe sehen. Das kleine rote Band, das sich voll geheimen Verlangens durch die üppigen Haarmassen schlängelt, ist der züngelnde Blitz in der Gewitterwolke. Ich fühle die Glut ihrer Leidenschaft bei jeder Bewegung ihres Gewandes, mehr als sie selbst vielleicht sie spürt.
Bima ist sich der Wirklichkeit nicht bewußt, weil sie sich ihrer schämt. Denn die Menschen haben dieser Wirklichkeit einen schlimmen Namen gegeben, sie nennen sie Satan. Und so muß sie sich in Gestalt einer Schlange in den Garten des Paradieses schleichen und der erwählten Gefährtin des Mannes ihre Geheimnisse ins Ohr flüstern und sie zum Abfall bringen. Dann ist es aus mit aller Ruhe, bis der Tod das Ende ist.
Meine arme kleine Bienenkönigin lebt wie im Traum. Sie weiß nicht, welchen Weg sie geht. Es wäre nicht ratsam, sie vor der Zeit aufzuwecken. Es ist am besten, daß ich so tue, als ob ich auch keine Ahnung hätte.
Neulich beim Mittagessen starrte sie mich eigentümlich an, ohne zu ahnen, was solche Blicke bedeuten. Als mein Blick dem ihren begegnete, wandte sie sich ab. »Sie wundern sich über meinen Appetit«, sagte ich. »Ich kann alles verbergen, nur nicht, daß ich gern esse. Aber warum wollen Sie für mich erröten, wenn ich mich nicht schäme?«
Sie errötete nur noch tiefer und stotterte: »Nein, nein, ich sah nur...«
»Ich weiß«, unterbrach ich sie. »Die Frauen haben eine Schwäche für begehrliche Männer, denn gerade durch unsere Begierden beherrschen sie uns. Die Nachsicht, die sie mir immer gezeigt haben, hat mich nur noch schamloser gemacht. Es macht mir gar nichts, wenn Sie zusehen, wie all die guten Sachen bei mir verschwinden. Ich werde darum doch jeden Bissen genießen.«
Neulich las ich ein englisches Buch, in dem sexuelle Fragen mit sehr kühnem Realismus behandelt werden. Ich hatte es im Wohnzimmer liegen lassen. Als ich am Nachmittag des folgenden Tages hineinkam, um irgend etwas zu holen, saß Bima da, mit dem Buch in der Hand. Als sie meine Schritte hörte, warf sie es eilig hin und legte ein anderes Buch darüber — einen Band Gedichte von Felicia Hemans.
»Ich habe nie begreifen können,« begann ich, »warum die Frauen so verlegen sind, wenn man sie bei der Lektüre von Gedichten überrascht. Wir Männer — Juristen, Mechaniker oder was sonst — hätten wohl einen Grund, uns zu schämen. Wenn wir Gedichte lesen wollen, so sollten wir sie in tiefer Nacht, bei verschlossenen Türen lesen. Aber ihr Frauen seid der Poesie so verwandt. Der Schöpfer selbst ist ein lyrischer Dichter; zu seinen Füßen muß Dschajadeva[17] seine göttliche Kunst geübt haben.«
Bima antwortete nicht, sondern errötete nur verlegen. Sie tat, als ob sie das Zimmer verlassen wollte. Doch ich hielt sie zurück. »Nein, nein, bitte, lesen Sie weiter! Ich will nur ein Buch nehmen, das ich hier habe liegen lassen, und machen, daß ich fortkomme.« Dabei nahm ich mein Buch vom Tisch. »Es ist ein Glück, daß Ihnen nicht einfiel, hier hinzusehen,« fuhr ich fort, »sonst hätten Sie Lust bekommen, mich zu schelten.«