»Ihr Frauen schwach!« rief ich lachend. »Die Männer verherrlichen eure Zartheit und Zerbrechlichkeit, und darum haltet ihr euch selbst für schwach. Aber gerade ihr Frauen seid die Starken. Die Männer machen ein großes Wesen aus ihrer sogenannten Freiheit, aber die sich selbst kennen, wissen, wie unfrei sie sind. Sie haben selbst die heiligen Schriften verfaßt, um sich dadurch zu binden; aus ihrem Idealismus haben sie goldene Ketten für die Frauen geschmiedet, mit denen sie sie körperlich und geistig fesseln. Wenn die Männer nicht in so hohem Maße die Fähigkeit hätten, sich in ihren eigenen Netzen zu fangen, so hätte nichts ihnen die Freiheit nehmen können. Aber ihr Frauen habt Leib und Seele der Wirklichkeit geöffnet. Ihr habt sie in euch empfangen und aus euch geboren. Ihr habt sie an euren Brüsten genährt.«
Bima ist sehr belesen für eine Frau und nicht leicht dahin zu bringen, meine Beweisgründe anzuerkennen. »Wenn dem so wäre,« wandte sie ein, »so würden die Frauen wohl bald allen Reiz für die Männer verloren haben.«
»Die Frauen sehen diese Gefahr«, erwiderte ich. »Sie wissen, daß die Männer getäuscht sein wollen, und so täuschen sie sie denn auch, wo sie können, mit ihren eigenen Redensarten. Sie wissen, daß der Mann in seinem Hang zum Laster den Rausch mehr als gesunde Nahrung liebt, und daher bieten sie sich ihm als Rauschmittel dar. Die Frau brauchte sich nicht zu verstellen, wenn sie es nicht um des Mannes willen täte.«
»Warum wollen Sie denn aber die Illusion zerstören?«
»Um der Freiheit willen. Ich möchte, daß mein Vaterland frei wäre. Ich möchte aber auch, daß wir Menschen frei wären gegeneinander.«
III
Ich weiß wohl, daß es nicht ratsam ist, einen Schlafwandelnden plötzlich zu wecken. Aber ich bin von Natur so ungestüm, daß eine zögernde Gangart mir unmöglich ist. Ich wußte damals, daß ich viel wagte. Ich wußte, daß der erste Stoß solcher Ideen den Menschen ganz aus dem Gleichgewicht bringen kann. Aber bei den Frauen ist immer der Verwegenste der Sieger.
Wir waren auch schon gerade im besten Gange — da mußte Nikhils alter Lehrer Tschandranath Babu hereingestapft kommen! Es ließe sich ganz gut auf dieser Welt leben, wenn diese Schulmeister nicht wären, die sie einem verekeln und einem Lust machen, davonzulaufen. Die Menschen von Nikhils Art möchten immer aus der Welt eine Schule machen. Und nun kam diese Verkörperung einer Schule gerade im kritischen Moment herein.
Wir behalten alle immer in irgendeinem Winkel unsres Herzens noch etwas vom Schuljungen und ich, selbst ich, fühlte mich etwas eingeschüchtert. Die arme Bima aber ging gleich artig und feierlich an ihren Klassenplatz als Erste. Sie schien sich plötzlich zu erinnern, daß sie geprüft werden sollte.