»Warum nicht?« sagte Nikhil. »Wenn ich es lesen konnte, warum sollte Bimala es nicht auch lesen? Was ich besonders betonen möchte, ist dies, daß die Leute in Europa alles vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ansehen. Aber der Mensch ist mehr als bloße Physiologie oder Biologie oder Psychologie oder Soziologie. Vergiß das um Gottes willen nicht! Er ist unendlich viel mehr, als was die Naturwissenschaft von ihm lehrt. Du lachst über mich und nennst mich einen Schulmeisterzögling, aber das bist du, nicht ich. Denn du suchst die Wahrheit über den Menschen bei deinen naturwissenschaftlichen Lehrern und nicht in deinem eignen Innern.«
»Aber wozu all diese Aufregung?« spottete ich.
»Weil ich sehe, daß du darauf ausgehst, den Menschen zu schmähen und herabzusetzen.«
»Aber woraus in aller Welt schließt du das?«
»Aus allem, was du sagst und tust und womit du mein Gefühl verletzest. Du richtest beständig deine Angriffe gegen alles Große und Selbstlose und Schöne im Menschen.«
»Wie kommst du auf diese verrückte Idee?«
Nikhil erhob sich plötzlich. »Ich sage es dir gerade heraus, Sandip,« sagte er, »du kannst den Menschen in mir tödlich verwunden, aber du kannst ihn nicht töten. Darum bin ich bereit, alles zu erdulden, ganz bewußt, mit offenen Augen.«
Mit diesen Worten verließ er eilig das Zimmer.
Ich stand noch ganz verblüfft da und sah ihm nach, als ich plötzlich ein Buch fallen hörte, und als ich mich umwandte, sah ich Bima, die ihm schnell und sichtlich betreten folgte, wobei sie vermied, mir nahe zu kommen.
Ein merkwürdiges Geschöpf ist doch dieser Nikhil! Er fühlt die Gefahr, die sein Heim bedroht, warum weist er mir nicht die Tür? Ich weiß, er wartet, daß Bima ihm das Stichwort gibt. Sagt sie ihm, daß ihre Ehe ein Irrtum gewesen ist, so beugt er sein Haupt und gibt zu, daß er einen großen Fehler gemacht hat. Er hat nicht die Geistesstärke, sich klar zu machen, daß es der größte aller Fehler ist, einen Fehler einzugestehen. Er ist ein typisches Beispiel dafür, wie Idealismus zu Schwäche führt. Ich kenne nicht seinesgleichen; er ist ein zu sonderbarer Kauz! Er eignet sich kaum als Figur für einen Roman oder ein Drama, viel weniger noch für das wirkliche Leben.