Ich antwortete nicht, aber obgleich ich Sandip nicht ansah, konnte ich nicht umhin, seinen anklagenden Blick zu fühlen, der sich in meinem Gesicht festbohrte und nicht weichen wollte. Ich wünschte so sehr, er möchte etwas sagen, daß ich hinter seinen Worten Schutz finden könnte. Wie lange dies dauerte, weiß ich nicht, aber endlich konnte ich es nicht mehr aushalten. »Was ist das für eine Sache,« fragte ich, »worüber Sie mich zu sprechen wünschten?«
Sandip tat wieder überrascht, als er sagte: »Muß es sich denn immer erst um eine bestimmte Sache handeln? Ist Freundschaft an sich ein Verbrechen? O, Bienenkönigin, daß Sie das Höchste, was es auf Erden gibt, so gering schätzen! Darf man der Verehrung eines Herzens die Tür schließen wie einem verlaufenen Hunde?«
Ich fühlte wieder, wie mein Herz in mir zitterte. Jetzt mußte die Krisis kommen, zu ungestüm, um sich abwenden zu lassen. Freude und Angst kämpfen in mir um die Herrschaft. Würden meine Schultern stark genug sein, ihrem Ansturm standzuhalten, oder würde sie mich zu Boden werfen, das Antlitz in den Staub?
Ich zitterte am ganzen Körper. Mich mit Gewalt bezwingend, wiederholte ich: »Sie haben mich gerufen wegen einer Sache, die das Vaterland angeht, daher habe ich meine häuslichen Pflichten gelassen, um zu hören, was es gibt.«
»Das versuchte ich ja eben Ihnen klarzumachen«, sagte er mit einem sarkastischen Lachen. »Wissen Sie denn nicht, daß ich gekommen bin, um zu verehren? Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich in Ihnen die Schakti unsers Vaterlandes verkörpert sehe? Es handelt sich doch nicht nur um unser geographisches Vaterland. Niemand kann sein Leben hingeben für eine Landkarte! Wenn ich Sie vor mir sehe, dann nur wird mir die ganze Schönheit meines Vaterlandes offenbar. Wenn Sie mich mit Ihren eigenen Händen salben, dann werde ich mich von meinem Vaterlande geweiht fühlen; und wenn ich mit diesem Bewußtsein im Herzen im Kampfe falle, so falle ich nicht in den Staub eines Landes, das die Landkarte zeigt, sondern mein Haupt sinkt nieder auf ein liebend ausgebreitetes Gewand — wissen Sie, an welches Gewand ich denke? An den erdroten Sari, den Sie neulich trugen, mit dem breiten, blutroten Saum. Ich sehe ihn immer vor mir. Das sind die Visionen, die im Leben Kraft und im Tode Freude geben!«
Sandips Augen sprühten Feuer, als er so sprach, aber ob es das Feuer der Begeisterung oder das Feuer der Leidenschaft war, hätte ich nicht sagen können. Ich mußte an den Tag denken, wo ich ihn zuerst reden hörte und wo ich zweifelte, ob er ein Mensch oder eine lebendige Flamme sei.
Ich konnte kein Wort hervorbringen. Es ist nicht möglich, hinter den Schranken äußeren Anstandes Schutz zu suchen, wenn in einem Augenblick das Feuer aufspringt und mit blitzendem Schwert und brüllendem Gelächter alles vernichtet, was der Geiz sorgsam aufgehäuft hat. Ich war in Todesangst, daß er sich vergessen und meine Hand ergreifen könnte. Denn er stand vor mir, am ganzen Körper bebend, wie eine züngelnde Flamme; seine Augen sprühten versengende Funken auf mich.
»Wollen Sie denn ewig mit Ihren kleinlichen Pflichten im Haushalt Götzendienst treiben«, rief er nach einer Pause, »Sie, die Sie die Macht in sich haben, Leben oder Tod über uns zu verhängen? Soll diese Ihre Macht in einer Zenana verborgen bleiben? Werfen Sie alle falsche Scheu von sich, ich bitte Sie; machen Sie sich doch nichts aus dem Geflüster um Sie herum! Werfen Sie sich noch heute mit offenen Armen in den Strom der Freiheit draußen in der Welt!«
Wenn Sandip in dieser Weise seinen Kult des Vaterlandes mit seiner Verehrung für mich verwebt, so beginnt mein Blut zu tanzen, und alle Schranken, die mich zurückhalten, geraten ins Wanken. Seine Reden über Kunst und sexuelle Probleme, seine Unterscheidungen zwischen dem Wirklichen und Unwirklichen hatten nur den Geist des Widerspruchs in mir hervorgerufen, der mich hinderte, sachlich zu antworten. Aber dieser Geist ging jetzt in Flammen auf, und mit ihm mein Widerstand. Ich fühlte mich durch meine Weiblichkeit verklärt und einer Göttin gleich. Warum sollte ihr Glanz nicht sichtbar von meiner Stirn strahlen? Konnte meine Stimme nicht ein Wort finden, einen vernehmlichen Ruf, der wie eine heilige Zauberformel mein Vaterland weihte und entflammte?
Plötzlich stürzte mein Mädchen Rhema mit aufgelösten Haaren ins Zimmer. »Geben Sie mir meinen Lohn und lassen Sie mich gehen«, schrie sie. »In meinem ganzen Leben bin ich nicht so...« Das Übrige wurde von Schluchzen erstickt.