»Es macht mich nur böse, wenn du so redest«, sagte ich.

»Was nützt es, daß du böse mit mir bist«, erwiderte er. »Schilt dein Schicksal, daß es dir keine Wahl ließ, sondern dich zwang, mich blindlings zu nehmen. Nun mußt du beständig versuchen, seinen Fehler wieder gutzumachen, indem du in mir ein Muster aller Vollkommenheit zu sehen suchst.«

Ich war damals so gekränkt durch diesen bloßen Gedanken, daß mir die Tränen in die Augen traten. Und immer, wenn ich jetzt daran denke, muß ich die Augen vor jener Nische niederschlagen.

Denn jetzt habe ich ein andres Bild in meinem Schmuckkasten. Als ich neulich im Wohnzimmer aufräumte, nahm ich den Doppelrahmen fort, in dem Sandips Bild neben dem meines Gatten steckte. Diesem Bild opfere ich keine Blumen, sondern ich halte es unter meinem Schmuck verborgen. Es übt einen um so größeren Zauber auf mich, weil ich es heimlich aufbewahre. Ich betrachte es von Zeit zu Zeit bei verschlossenen Türen. Des Abends schraube ich die Lampe hoch und sitze da, mit dem Bild in der Hand, es unverwandt anstarrend. Und jeden Abend will ich es am Lampenfeuer verbrennen, um es nie mehr zu sehen; aber jeden Abend verberge ich es mit einem Seufzer wieder unter meinen Perlen und Diamanten.

Ach, ich elendes Weib! Welch ein Reichtum von Liebe faßte jedes dieser Schmuckstücke ein! Ach, warum bin ich nicht tot?

Sandip hatte mir klargemacht, daß es nicht in der Natur der Frau liegt, zu zaudern. Für sie gibt es weder rechts noch links, — sie geht immer geradeaus. Wenn die Frauen unsres Vaterlandes aus ihrem Schlaf erwachen, wiederholte er mir beständig, so werden sie mit Siegesgewißheit ihren Ruf erschallen lassen: »Ich will!«

»Ich will« — führte Sandip eines Tages aus, — war das erste Wort am Anfang der Schöpfung. Es wurde nicht von irgendeinem Grundsatz geleitet, sondern es wurde zu Feuer und wandelte sich zu Sonnen und Sternen. Es kennt keine Gerechtigkeit. Weil es den Menschen haben wollte, opferte es unbarmherzig Millionen von Jahren hindurch Millionen Tiere auf, um zu seinem Ziel zu kommen. Dieses furchtbare Wort »ich will« ist Fleisch geworden im Weibe, und daher versuchen die Männer in ihrer Feigheit mit allen Kräften, diese elementare Flut einzudämmen. Sie fürchten, daß sie, wenn sie lachend dahintanzt, alle Hecken und Stützen ihres Kürbisfeldes umreißen könnte. Die Menschen haben sich zu allen Zeiten geschmeichelt, diese Kraft sicher in den Schranken der Konvenienz eingeschlossen zu halten, aber sie sammelt sich an und wächst. Jetzt ist sie noch ruhig und tief wie ein See, aber allmählich wird ihr Druck immer stärker, die Deiche werden nachgeben, und die Kraft, die so lange stumm gewesen ist, wird brüllend hervorstürzen mit dem Ruf: »Ich will!«

Solche Worte Sandips hallen in meinem Herzen wider wie die Schläge einer Kriegstrommel. Sie bringen jeden Konflikt in mir zum Schweigen. Was kümmert es mich, was die Leute von mir denken? Was bedeutet mir jene Orchidee und jene Nische in meinem Schlafzimmer? Wodurch sollten sie die Macht haben, mich zu verkleinern und zu beschämen? Das Urfeuer der Schöpfung brennt in mir.

Ich fühlte mich versucht, die Orchidee herabzureißen und aus dem Fenster zu werfen, die Nische ihres Bildes zu berauben und dem schamlosen Geist der Zerstörung, der in mir wütete, die Zügel schießen zu lassen. Schon hatte ich den Arm erhoben, um es zu tun, da krampfte ein plötzliches Weh mein Herz zusammen, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich warf mich nieder und schluchzte: »Wie soll dies alles enden, wie soll es enden?«