Daher predige ich die große Lehre von der Ungerechtigkeit. Ich sage jedem: Befreiung ist auf Ungerechtigkeit gegründet. Ungerechtigkeit ist das Feuer, das fortwährend etwas verzehren muß, damit es nicht zu Asche wird. Wenn ein Einzelwesen oder Volk nicht mehr imstande ist, eine Ungerechtigkeit zu begehen, wird es hinweggefegt und auf den Kehrichthaufen der Welt geworfen.

Bis jetzt ist dies nur meine Theorie, mit der ich selbst noch nicht ganz eins geworden bin. In meiner Rüstung sind Sprünge, durch die etwas sehr Weiches und Empfindliches hindurchblickt. Weil, wie ich schon sagte, der wesentliche Teil meines Ichs schon vor meiner gegenwärtigen Existenz geschaffen wurde.

Von Zeit zu Zeit stelle ich meine Anhänger auf die Probe, um zu sehen, wie weit sie es in dieser Grausamkeit gebracht haben. Eines Tages gingen wir zu einem Picknick. Eine Ziege graste in der Nähe. Ich fragte: »Wer ist unter euch, der mit diesem Messer der Ziege dort lebendig ein Bein abschneiden und es mir bringen kann?« Während sie noch alle zögerten, ging ich selbst hin und tat es. Einer von ihnen wurde ohnmächtig bei dem Anblick. Aber als sie mich unbewegt sahen, berührten sie ehrfurchtsvoll meine Füße und sagten, daß ich über alle menschliche Schwäche erhaben sei. Das heißt, sie sahen an jenem Tage die Nebelhülle meiner Idee, aber bemerkten nicht mein inneres Wesen, das ein launenhaftes Schicksal weich und barmherzig geschaffen hat.

In dem gegenwärtigen Kapitel meines Lebens, dessen Interesse sich von Tag zu Tag mehr um Bimala und Nikhil konzentriert, bleibt auch viel unter der Oberfläche verborgen. Die Theorie, die mich beherrscht, formt mein inneres Leben; dennoch entzieht sich ein großer Teil meines Lebens ihrem Einfluß, und so entsteht ein Widerspruch zwischen meinem äußeren Leben und seinem inneren Plan, ein Widerspruch, den ich, so gut ich kann, zu verbergen suche, auch mir selber; denn sonst könnte er nicht nur meine Pläne, sondern mein Leben selbst zum Scheitern bringen.

Das Leben ist unbestimmt und voller Widersprüche. Wir Menschen versuchen mit unsern Ideen ihm eine besondere Gestalt zu geben, indem wir es in eine bestimmte Form pressen, — in die Bestimmtheit, die Erfolg hat. Alle Welteroberer, von Alexander bis auf die amerikanischen Millionäre, finden in Schwert oder Dollar das Sinnbild, nach dem sie ihr Wesen formen, und dies ist die Quelle ihres Erfolges.

Der Hauptstreitpunkt zwischen Nikhil und mir besteht darin, daß, obgleich unser beider Wahlspruch ist: »Erkenne dich selbst«, wir beide es auf ganz verschiedene Weise deuten und infolgedessen seine Selbsterkenntnis in meinen Augen das Gegenteil ist. »Wenn du auf deine Weise Erfolg gewinnst,« wandte Nikhil bei einer Gelegenheit ein, »so gewinnst du ihn auf Kosten der Seele, aber die Seele ist mehr wert als der Erfolg.«

Ich antwortete nur: »Deine Worte sind abstrakt.«

»Das kann ich nicht ändern«, erwiderte Nikhil. »Eine Maschine ist konkret genug, aber nicht so das Leben. Wenn du um der konkreten Greifbarkeit willen das Leben als eine Maschine ansehen willst, so mußt du dir nicht einbilden, daß du das Leben kennst. Die Seele ist nicht so konkret wie der Erfolg, und daher verlierst du sie nur, wenn du dem Erfolg nachjagst.«

»Wo ist sie denn, diese wunderbare Seele?«