Du mußt begreifen, Nikhil, daß wir alle unser Herz verloren haben. Niemand kann uns länger in den Grenzen des leicht Möglichen festhalten bei unsrer Jagd nach dem hoffnungslos Unmöglichen.
Halten wollt ihr uns,
Toren, die ihr nicht die unbändige Lust der Verwegenheit kennt,
Die ihr den Ruf nicht hörtet, der uns kam vom Ziel des verschlungenen Pfades!
Alles, was brav ist, gerade und glatt,
Kopfüber damit in den Staub!«
Ich glaubte, mein Gatte wollte die Diskussion fortsetzen, aber er stand schweigend auf und ließ uns allein.
Was mich innerlich aufwühlte, war nur das Widerspiel der stürmischen Leidenschaft draußen, die über das Land hinfegte, von einem Ende zum andern. Ich fühlte, wie der Herr meines Schicksals auf seinem Siegeswagen schnell heranbrauste, und das Rollen der Räder fand einen Widerhall in mir. Ich hatte beständig das Gefühl, daß jeden Augenblick etwas Außerordentliches geschehen könnte, für das mich jedoch keine Verantwortung träfe. War ich nicht in eine Sphäre gerückt, wo nach Recht und Unrecht und den Gefühlen anderer nicht mehr gefragt wird? Hatte ich dies je gewollt — hatte ich je so etwas erhofft oder erwartet? Wer könnte, wenn er mein ganzes bisheriges Leben ansieht, sagen, daß mich irgendwelche Schuld träfe?
Mein ganzes Leben lang hatte ich getreulich am Altar meine Opfer dargebracht, — aber als endlich die göttliche Gnade sich offenbaren sollte, erschien ein andrer Gott als der, dem ich zu dienen glaubte. Und gleichwie das erwachte Land von dem Jubelruf Bande Mataram erzittert, mit dem es den plötzlich vor ihm aufgetauchten Zukunftstraum begrüßt, so schlagen alle Pulse dem plötzlich erschienenen, unbekannten, ungestümen Fremden entgegen.
Eines Nachts verließ ich mein Bett und schlüpfte aus meinem Zimmer auf die Terrasse draußen. Hinter unsrer Gartenmauer sind reifende Reisfelder. Nach Norden zu sieht man durch die Bäume des Dorfes den Fluß schimmern. Die ganze Landschaft lag in der Dunkelheit da wie der noch schlummernde Keim einer neuen Zukunft.
In jener Zukunft sah ich mein Vaterland, ein Weib gleich mir, dastehen und voll Erwartung ausspähen. Der plötzliche Ruf eines unbekannten Etwas hat sie aus der Enge ihres Hauses herausgetrieben. Sie hat keine Zeit gehabt zu warten und zu überlegen, oder sich eine Fackel anzuzünden, sondern ist ohne Besinnen in das Dunkel hinausgestürzt. Ich weiß wohl, wie ihre innerste Seele auf die fernen Flötenklänge, die sie rufen, antwortet; wie ihre Brust wogt; wie sie fühlt, daß sie diesem Unbekannten immer näher kommt, es schon erreicht hat, so daß sie sich blind hineinstürzen kann. Sie ist nicht Mutter. Sie hört nicht auf den Ruf ihrer hungrigen Kinder, vergeblich wartet am Abend das dunkle Heim auf ihre Lampe. Sie eilt zu ihrem Stelldichein, denn dies ist das Land der Wischnu-Dichter. Sie hat ihr Heim verlassen, ihre häuslichen Pflichten vergessen; sie fühlt nichts als ein unermeßliches Sehnen, das sie vorwärts treibt, — auf welcher Straße, zu welchem Ziel, das gilt ihr gleich.
Auch ich bin erfaßt von solchem Sehnen. Auch ich habe mein Heim verloren und bin verirrt. Ziel und Weg liegen gleichdunkel vor mir. Ich fühle nur, wie mich die Sehnsucht immer weiter treibt. Ach, du unseliger Wanderer durch die Nacht; wenn der Morgen dämmert, wirst du keine Spur eines Weges sehen, auf dem du zurückkehren könntest. Aber warum zurückkehren? Der Tod ist ebensogut. Wenn das Dunkel mit seiner Flöte mich zum Abgrund lockt, was kümmert mich das Hernach? Wenn seine Finsternis mich verschlungen hat, so werde ich nicht mehr sein, und mit mir sind Gut und Böse, Lachen und Tränen dahin.
XII
Da die Maschine der Zeit in Bengalen plötzlich mit Hochdruck arbeitete, wurde, was schwer schien, leicht und die Ereignisse folgten einander Schlag auf Schlag. Nichts ließ sich mehr zurückhalten, selbst in unserm entlegenen Winkel. Anfangs war unser Distrikt zurück, denn mein Gatte wollte keinen Zwang auf die Leute ausüben. »Die ihrem Vaterlande Opfer bringen, sind in Wahrheit seine Diener,« sagte er oft, »aber die, welche andere dazu zwingen, sind seine Feinde. Sie möchten die Freiheit an der Wurzel abhauen, um sie am Gipfel zu erfassen.«