XIII
Suksar, das auf unserm Gebiete liegt, ist eins der größten Handelszentren im ganzen Distrikt. An der einen Seite eines Wassers wird täglich Markt abgehalten, an der andern Seite findet einmal in der Woche ein größerer Markt statt. In der Regenzeit, wenn der See mit dem Fluß Verbindung hat und die Schiffe hinaufkommen können, werden große Mengen Baumwollgarn und Stoffe für den Winter zum Verkauf dorthin gebracht.
Als unsre Begeisterung ihren Höhepunkt erreicht hatte, erklärte Sandip, daß alle ausländischen Artikel samt dem Teufel der Ausländerei aus unserm Gebiet vertrieben werden müßten.
»Selbstverständlich«, antwortete ich kampfbereit.
»Ich habe mit Nikhil deswegen gesprochen«, sagte Sandip. »Er sagt mir, wir können Reden halten, soviel wir wollen, aber Zwang will er nicht dulden.«
»Da lassen Sie mich nur machen«, sagte ich im stolzen Gefühl meiner Macht. Ich wußte, wie tief die Liebe meines Gatten zu mir war. Wäre ich bei Sinnen gewesen, so hätte ich mich eher in Stücke reißen lassen, als daß ich in solchem Moment mein Recht darauf geltend gemacht hätte. Aber Sandip sollte die ganze Macht seiner Gottheit kennen lernen.
Sandip hatte mir in seiner unwiderstehlichen Art klargemacht, wie die Weltkraft sich jedem Einzelnen in Gestalt einer besonderen Wahlverwandtschaft offenbart. »Die Philosophie der Wischnu-Verehrer«, sagte er, »spricht von der Schakti der Freude, die im Herzen der Schöpfung wohnt und das Herz der ewigen Liebe immer anzieht. Die Menschen haben ein immerwährendes Verlangen, diese Schakti aus den verborgenen Tiefen ihrer eignen Natur hervorzubringen, und die unter uns, denen es gelingt, verstehen sogleich deutlich die Sprache der Musik, die aus dem Dunkel zu uns hertönt.« Und sang:
Meine Flöte, die von Liedern quoll, ist verstummt,
Jetzt wo ich Antlitz in Antlitz dir gegenüberstehe.
Mein Ruf suchte dich unter allen Himmeln, als du verborgen lagst;
Nun findet all meine Sehnsucht Erfüllung im Lächeln deines Auges, Geliebte.
Während ich seinen Allegorien zuhörte, hatte ich vergessen, daß ich nur ganz einfach Bimala war. Ich fühlte mich als Schakti, als Verkörperung der Weltfreude. Nichts konnte mich hemmen, nichts war mir unmöglich; was ich berührte, gewann neues Leben. Die Welt um mich her war durch mich neu geschaffen; denn hatte nicht erst der antwortende Ruf meines Herzens all dies Gold über den Herbsthimmel ausgegossen? Und diesen Helden, diesen treuen Diener des Vaterlandes, der mir so ergeben war, — diesen feurigen Geist, diese brennende Kraft, diesen leuchtenden Genius, — ihn auch schuf ich jeden Augenblick neu. Habe ich nicht gesehen, wie meine Gegenwart ihm immer wieder neues Leben einflößt?
Neulich bat mich Sandip, ich möchte Amulja, einen jungen Burschen und eifrigen Anhänger von ihm, empfangen. Ich sah, wie sogleich ein neues Licht in den Augen des Knaben aufflammte, und wußte, daß auch er die Schakti-Kraft an mir gespürt und daß sie in seinem Blut zu wirken begonnen hatte. »Was für eine Zauberin Sie doch sind!« rief Sandip am nächsten Tage aus. »Amulja ist plötzlich kein Knabe mehr, die Fackel seines Lebens brennt lichterloh. Wie kann sich Ihr Feuer unter dem Dach Ihres Hauses verbergen? Früher oder später werden sie alle davon berührt, und wenn alle Lampen brennen, welch einen Dewali-Karneval[24] werden wir dann hier im Lande feiern!«