»Ich mag nicht hören, wenn du so redest.«

»Ich möchte, daß du mitten in das Leben und Treiben hinauskämest und die Wirklichkeit kennenlerntest. Du bist nicht dazu geschaffen, nur Tag für Tag deine häuslichen Pflichten zu erfüllen und dein ganzes Leben in der Plackerei des Haushalts zwischen den engen Mauern zuzubringen, die die Traditionen um die Frau aufgerichtet haben. Erst wenn wir draußen in der Welt der Wirklichkeit uns sehen und erkennen, wird unsere Liebe vollkommen und wahr sein.«

»Wenn uns hier irgend etwas daran hindert, uns ganz zu erkennen, kann ich nichts sagen. Aber ich meinesteils fühle nicht, daß irgend etwas fehlt.«

»Gut, aber wenn auch das Hindernis nur auf meiner Seite ist, solltest du da nicht helfen, es zu beseitigen?«

Solche Gespräche wiederholten sich öfters. Eines Tages sagte er: »Der Mensch, der Verlangen hat nach seinem geschmorten Fisch, hat in seiner Gier keine Gewissensbisse, wenn er den Fisch nach seinem Bedürfnis zerschneidet. Aber der, der den Fisch liebt, möchte sich im Wasser an ihm freuen, und wenn das unmöglich ist, wartet er am Ufer, und selbst wenn er nach Hause kommt, ohne ihn erblickt zu haben, so hat er den Trost, zu wissen, daß der Fisch gut aufgehoben ist. Jemanden in seiner Vollkommenheit besitzen dürfen, ist der höchste Gewinn, aber wenn dies unmöglich ist, so ist der zweithöchste, auf den Besitz zugunsten der Vollkommenheit des andern zu verzichten.«

Ich hörte meinen Gatten nicht gern so über diesen Gegenstand sprechen, aber nicht das war der Grund, weshalb ich mich weigerte, die Frauengemächer zu verlassen. Seine Großmutter war noch am Leben. Mein Gatte hatte mehr als neunundneunzig Prozent des Hauses mit dem zwanzigsten Jahrhundert angefüllt, sehr gegen ihren Geschmack, aber doch hatte sie es, ohne zu klagen, geduldet. Sie würde es ebenso geduldet haben, wenn die Gemahlin des Radscha[8] ihre Zurückgezogenheit aufgegeben hätte. Sie war sogar darauf gefaßt, daß dies geschehen könnte. Aber mir schien die Sache nicht wichtig genug, um ihr diesen Schmerz anzutun. Ich habe in Büchern gelesen, daß man uns als »Vögel im Käfig« bezeichnet. Ich weiß nicht, wie es mit andern ist, aber für mich umschloß dieser Käfig so viel, daß es in der ganzen Welt nicht Platz gehabt hätte, — so empfand ich es wenigstens damals.

Die Großmutter, die schon sehr alt war, hielt sehr viel von mir. Ihrer Liebe lag wohl der Gedanke zugrunde, daß ich mit Hilfe der mir günstigen Sterne es vermocht hatte, die Liebe meines Gatten zu gewinnen. Hatten nicht die Männer von Natur den Hang, in Laster zu versinken? Keine von den andern war mit all ihrer Schönheit imstande gewesen, ihren Gatten davon zurückzuhalten, daß er Hals über Kopf dem höllischen Abgrund zustürzte, der ihn verschlang und vernichtete. Sie glaubte, daß ich das Mittel gewesen sei, jene Leidenschaften auszulöschen, die den Männern ihrer Familie so verderblich geworden waren. Daher hütete sie mich wie ihren größten Schatz und zitterte, sobald mir nur das Geringste fehlte.

Die Großmutter mochte die Kleider und Schmucksachen nicht leiden, die mein Gatte in europäischen Läden kaufte, um sie mir umzuhängen. Aber sie überlegte: Die Männer müssen nun einmal irgendein närrisches Steckenpferd haben, das allemal viel Geld kostet. Es hat keinen Zweck, zu versuchen, sie daran zu hindern; man kann nur froh sein, wenn sie sich nicht ganz dabei zugrunde richten. Wenn mein Nikhil nicht immer damit beschäftigt wäre, seine Frau mit schönen Kleidern zu umhängen, wer weiß, an wen er sonst sein Geld verschwenden würde. Daher ließ sie, immer wenn ein neues Kleid für mich ankam, meinen Gatten rufen und freute sich mit ihm darüber.

Und so kam es, daß sie es war, die ihren Geschmack änderte. Ja, sie wurde so sehr von dem modernen Geist beeinflußt, daß kein Abend hingehen durfte, ohne daß ich ihr Geschichten aus englischen Büchern erzählte.

Nach dem Tode seiner Großmutter wollte mein Gatte gern, daß ich mit ihm nach Kalkutta übersiedelte. Aber ich konnte mich nicht dazu entschließen. War dies nicht unser Haus, das sie in allen Leiden und Kümmernissen unter ihrer sorgenden Hut gehabt hatte? Würde nicht ein Fluch mich treffen, wenn ich es verließe und fortzöge in die Stadt? Dies war der Gedanke, der mich zurückhielt, als ihr leerer Platz mich vorwurfsvoll ansah. Diese edle Frau war mit acht Jahren in dies Haus gekommen, und als sie starb, war sie achtundsiebzig. Sie hatte kein glückliches Leben gehabt. Das Schicksal hatte Pfeil auf Pfeil gegen ihre Brust geschleudert und hatte doch nur immer mehr die unzerstörbare Kraft ihrer Seele hervorströmen lassen. Dies große Haus war durch ihre Tränen geweiht. Was sollte ich fern von ihm, im Staub von Kalkutta?