»Kleinere Geister brauchen Täuschungen,« sagte ich, »und die meisten Menschen gehören nun einmal zu dieser Klasse. Darum richtet man in jedem Lande Gottheiten auf, um die Illusionen im Volke aufrecht zu erhalten, denn die Menschen sind sich ihrer Schwäche nur zu wohl bewußt.«
»Nein,« erwiderte er. »Gott ist nötig, um die Illusionen fortzuschaffen. Die Gottheiten, die sie aufrecht halten, sind falsche Götter.«
»Was macht das? Wenn es nottut, müssen wir auch falsche Götter anrufen, lieber als daß die Sache leidet. Unsre Illusionen sind noch lebendig genug, aber zu unserm Unglück verstehen wir nicht, sie unserm Zweck dienstbar zu machen. Sieh einmal die Brahmanen! Trotzdem wir sie wie Halbgötter behandeln und unermüdlich ehrfurchtsvoll ihre Füße berühren, sind sie doch eine Macht, die im Verfall ist.«
»Es wird immer eine große Klasse von Menschen geben, deren Natur es ist, am Boden zu kriechen, und die nur durch Berührung mit den Füßen andrer — sei es auch in Gestalt von Fußtritten — zu einer Tat gebracht werden können. Welch ein Jammer ist es doch, daß wir die Brahmanen, nachdem wir sie alle diese Jahrhunderte hindurch in unsrer Rüstkammer aufbewahrt und in scharfem und gebrauchsfähigem Zustande erhalten haben, jetzt in der Zeit der Not nicht verwenden können, um sie auf diesen Pöbel zu hetzen!«
Aber es ist unmöglich, Nikhil dies alles begreiflich zu machen. Er ist so für die Wahrheit eingenommen, — als ob es überhaupt eine objektive Wahrheit gäbe! Wie oft habe ich versucht, ihm auseinanderzusetzen, daß gerade in der Unwahrheit die eigentliche Wahrheit liegt. Früher erkannte man bei uns diese Tatsache, und man hatte den Mut, zu erklären, daß für die, die beschränkten Geistes sind, Lüge Wahrheit sei.
Denen, die wirklich glauben können, daß ihr Land eine Göttin ist, wird ihr Bild als Ersatz für die Wahrheit dienen. Unsre Natur und unsre Überlieferungen hindern uns, unser Vaterland als das, was es ist, zu erkennen, aber wir können uns leicht dazu bringen, an sein Bild zu glauben. Wer wirklich etwas erreichen will, darf diese Tatsache nicht außer acht lassen.
Doch dies diente nur dazu, Nikhil aufzuregen. »Weil ihr die Kraft verloren habt, den Weg der Wahrheit zu gehen, um euer Ziel zu erreichen,« rief er aus, »wartet ihr beständig, daß euch irgendeine wunderbare Gabe in den Schoß fallen soll. Jahrhundertelang habt ihr versäumt, eurem Vaterlande zu dienen, und nun könnt ihr nichts andres tun, als ein Götzenbild aus ihm machen und eure Hände ausstrecken, in der Erwartung, daß euch die Gaben umsonst zufallen.«
»Wir wollen das Unmögliche vollbringen«, sagte ich. »Daher muß unser Vaterland zum Gott gemacht werden.«
»Du willst damit sagen, daß ihr nicht den Mut für mögliche Aufgaben habt«, erwiderte Nikhil. »Für das, was schon da ist, habt ihr keine Augen; ihr wollt etwas Übernatürliches sehen.«