»Höre einmal, Nikhil«, sagte ich schließlich, aufs äußerste gereizt. »Alles, was du da sagst, ist ganz gut als moralische Lehre. Diese Gedanken haben als Milch für Säuglinge ihren Dienst getan, solange der Mensch noch in diesem ersten Stadium seiner Entwicklung war, aber jetzt, da er Zähne bekommen hat, braucht er andre Nahrung.«
»Sehen wir denn nicht mit unsern eignen Augen, wie Dinge, an deren Aussaat wir nicht im Traum dachten, rings um uns her emporsprießen? Durch welche Kraft? Durch die Kraft der Gottheit unsres Landes, die sich darin offenbart. Der Genius der Zeit allein gibt der Gottheit ihr Bild. Der Genius streitet nicht mit Worten, er schafft. Ich kann nur gestalten, was der Geist des Landes aus sich gebiert.«
»Ich werde überall verkünden, daß die Göttin mich eines Traumes gewürdigt hat. Ich werde den Brahmanen sagen, daß sie sie zu ihren Priestern bestimmt hat und daß die Vernachlässigung ihres Dienstes, deren sie sich schuldig gemacht haben, die Ursache ihres Niedergangs ist. Und wenn du mir sagst, ich lüge, so antworte ich dir: Nein, ich sage die Wahrheit, — ja, mehr als das, ich sage die Wahrheit, die das Vaterland schon lange aus meinem Munde zu hören erwartet. Wenn ich nur die Gelegenheit hätte, ihnen meine Botschaft zu verkünden, so würdest du über die Wirkung staunen.«
»Was ich fürchte,« sagte Nikhil, »ist, daß meine Lebenszeit begrenzt ist und daß die Wirkung, von der du sprichst, nicht die endgültige Wirkung ist. Sie wird Nachwirkungen haben, die sich noch nicht sogleich zeigen.«
»Mir ist es nur um die Wirkung zu tun, die sich auf das Heute erstreckt.«
»Mir ist es um die Wirkung zu tun, die sich auf die Ewigkeit erstreckt«, antwortete Nikhil.
Nikhil hat vielleicht auch seinen Anteil bekommen an Bengalens schönster Gabe, der Phantasie, aber er hat sie ganz überwuchern und fast ersticken lassen von einer ausländischen Pflanze, einer peinlichen Gewissenhaftigkeit. Man denke nur an den Gottesdienst der Durga, den Bengalen zu solcher Höhe entwickelt hat. Das ist eine seiner größten Leistungen. Ich könnte schwören, daß Durga eine politische Göttin ist und ursprünglich die Schakti des Patriotismus bedeutete zu der Zeit, als Bengalen um Befreiung von der muhammedanischen Herrschaft betete. Welcher andern Provinz Indiens ist es gelungen, für das Ideal, nach dem es strebte, ein so wunderbares Sinnbild zu finden?
Nichts verriet deutlicher, wie gänzlich Nikhil diese göttliche Gabe der Phantasie verloren hat, als die Antwort, die er mir gab. »Während der muhammedanischen Herrschaft«, sagte er, »erhofften die Mahraten[27] und Sikhs[28] Erfolge von den Waffen, die sie selbst ergriffen hatten. Der Bengale begnügte sich damit, Waffen in die Hände der Göttin zu legen und Beschwörungsformeln zu murmeln; und da sein Land nun nicht wirklich eine Göttin war, so war das Einzige was für ihn dabei herauskam, die abgehauenen Köpfe der Opferziegen und -büffel. Sobald wir das Wohl unsres Landes auf dem Wege der Gerechtigkeit suchen, so wird der, der größer ist als unser Land, uns wahren Erfolg gewähren.«
Das Gefährliche bei der Sache ist, daß Nikhils Worte sich auf dem Papier immer so schön ausnehmen. Jedoch was ich sage, ist nicht dazu bestimmt, auf Papier gekritzelt zu werden, sondern soll sich tief ins Herz des Landes eingraben. Der Gelehrte hinterläßt uns in Druckerschwärze seine Abhandlung über den Ackerbau; aber der Landmann gräbt mit der scharfen Sichel seines Pfluges sein Werk tief in den Boden ein.
Fußnoten: