[DAS SKELETT]

IN dem Zimmer, neben welchem wir Knaben zu schlafen pflegten, hing ein menschliches Skelett. In der Nacht pflegte die Brise, die durch das geöffnete Fenster hereinstrich, mit seinen Knochen zu rasseln. Am Tage rasselten wir mit diesen Knochen. Wir hatten Osteologie bei einem Studenten der Medizin, denn unser Vormund war entschlossen, uns in alle Wissenschaften einzuweihen. Wieweit es ihm gelang, brauchen wir denen, die uns kennen, nicht zu sagen, und den andern bleibt es besser ein Geheimnis.

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen ist das Skelett aus dem Zimmer verschwunden und auch die Osteologie aus unserm Gehirn, ohne eine Spur zurückzulassen.

Neulich war das Haus voll von Gästen, und ich mußte die Nacht in demselben alten Zimmer zubringen. Der Schlaf wollte in dieser ungewohnten Umgebung nicht kommen, und während ich mich ruhelos von einer Seite auf die andere warf, hörte ich die Kirchenuhr in der Nähe eine Stunde nach der andern schlagen. Das Licht der Nachtlampe in der Ecke wurde immer matter, endlich sprühte und flackerte es noch ein paarmal auf und ging dann ganz aus.

Wir hatten kürzlich mehrere Verluste in der Familie gehabt, so war es natürlich, daß das Erlöschen der Lampe mich auf Todesgedanken brachte. Ich stellte die Betrachtung an, daß es in der großen Arena der Natur doch eigentlich derselbe Vorgang sei, wenn eine Lampe erlischt, und wenn das Lichtlein eines Menschenlebens sich in ewiges Dunkel verliert.

Meine Gedanken riefen das Skelett wieder in meiner Erinnerung wach. Während ich versuchte mir vorzustellen, wie der Leib, der es einst umhüllt hatte, wohl ausgesehen haben könnte, war es mir plötzlich, als ob etwas immer um mein Bett herumginge, wobei es an den Wänden entlang tastete. Ich konnte sein rasches Atmen hören. Es schien nach etwas zu suchen, was es nicht finden konnte, und es ging mit immer hastigeren Schritten im Zimmer umher. Ich war ganz sicher, daß dies alles nur eine Einbildung meines schlaflosen, aufgeregten Hirns war und daß, was mir als laufende Tritte erschien, in Wahrheit das Pochen der Adern in meinen Schläfen war. Doch trotzdem überlief es mich kalt. Um diese Halluzination loszuwerden, rief ich laut: „Wer ist da?“ Die Tritte schienen neben meinem Bett anzuhalten, und jemand antwortete: „Ich bin es. Ich bin gekommen, um mich nach meinem Skelett umzusehen.“

Es wäre doch lächerlich gewesen, einem Geschöpf meiner Einbildung gegenüber Furcht zu zeigen; daher sagte ich – indem ich aber doch die Bettdecke etwas fester faßte – mit erheuchelter Ruhe: „Eine nette Beschäftigung zu dieser nächtlichen Stunde! Was wollen Sie denn mit dem Skelett anfangen?“

Die Antwort schien fast unmittelbar aus meinem Moskito-Vorhang zu kommen. „Welche Frage! In dem Skelett waren die Knochen, die mein Herz einschlossen; der jugendliche Reiz meiner sechsundzwanzig Jahre umblühte es. Sollte ich nicht den Wunsch haben, es noch einmal zu sehen?“